Bad Rippoldsau, Friedhof

Gedenktafel für den 1945 kurz vor Kriegsende ermordeten Anton Reinhardt
  • Bronzetafel mit Inschrift (Foto: Franz Schmid)
  • Stein mit Inschriftentafel (Foto: Franz Schmid)
  • Friedhof in Bad Rippoldsau-Schapbach mit Krypta im Hintergrund (Foto: Franz Schmid)
  • Gesamtansicht (Foto: Franz Schmid)

Kurzinformation

Gedenktafel für den 1945 kurz vor Kriegsende ermordeten Anton Reinhardt

Beschreibung

Der Erinnerungsort für Anton Reinhardt befindet sich auf dem Friedhof im Gemeindeteil Bad Rippoldsau, unweit der Pfarr- und Wallfahrtskirche Mater Dolorosa.

Eine Bronze-Schrifttafel mit auslaufendem Rand und einer Größe von 45 cm Breite und 35 cm Höhe wurde mit Gewindestiften auf einem großen Sandsteinfindling aus dem örtlichen Gemeindewald angebracht. Die Inschrift lautet: „Zum Gedenken an den Sinto Anton Reinhardt. Er wurde am Karsamstag 1945 mit 17 Jahren von einem SSSchutzstaffel Die Schutzstaffel (kurz: SS) war 1925 als persönliche Leibwache Hitlers gegründet worden. Unter Heinrich Himmler wurde die SS zu einer Eliteeinheit aufgebaut, die zum zentralen Instrument des staatlichen Terrors wurde. Die SS hatte im Rahmen der „Endlösung“ maßgeblichen Anteil am Völkermord an den europäischen Juden sowie den Sinti und Roma.-Mann im Wald von Bad Rippoldsau ermordet. Im nationalsozialistisch besetzten Europa fielen über 500.000 Sinti und Roma dem VölkermordVölkermord Bezeichnung für die vorsätzliche Ermordung, Ausrottung oder anderweitige Vernichtung von Volksgruppen aufgrund ihrer vermeintlich rassischen, ethnischen oder sozialen Merkmale, ihrer Nationalität oder religiösen Überzeugungen. 1948 verabschiedeten die Vereinten Nationen einen völkerrechtlichen Vertrag über die Verhütung und die Bestrafung von Völkermorden. zum Opfer.“

Hintergrund

Im Zusammenhang mit der Erforschung der Verfolgungsgeschichte von Anton Reinhardt für die Dauerausstellung im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma sowie für einen dokumentarischen Spielfilm des Regisseurs Karl Fruchtmann regte das Heidelberger Dokumentations- und Kulturzentrum die Errichtung eines Erinnerungszeichens an den 17-jährigen Sinto an. Romani Rose, Geschäftsführer des Zentrums und Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, wandte sich am 29. April 1999 in einem persönlichen Brief an den Bürgermeister der GemeindeKommune Bezeichnung für die kleinste öffentliche Verwaltungseinheit in der Organisation eines Staates. Bad Rippoldsau-Schapbach, Ralf-Bernd Herden. In seinem Schreiben formulierte er: „Das Verbrechen an Anton Reinhardt ist ein Beispiel dafür, dass die Nationalsozialisten die Angehörigen unserer Minderheit bis Kriegsende systematisch ermordeten – nur, weil sie als Sinti oder Roma geboren worden waren. […] Um die Erinnerung an das furchtbare Schicksal von Anton Reinhardt zu bewahren, möchte ich Sie […] bitten, sich dafür einzusetzen, dass die Stadt Bad Rippoldsau eine Gedenktafel errichtet.“

Der Bürgermeister Ralf Herden zeigte sich dem Vorschlag gegenüber sofort offen und wurde zum maßgeblichen Unterstützer, so dass es bereits im Mai 1999 vor Ort zu einer persönlichen Begegnung zwischen Romani Rose und ihm kam. Beide vereinbarten, ein würdiges Erinnerungszeichen baldmöglichst Realität werden zu lassen. Eine erste Überlegung, die Gedenktafel im Bereich des Kirchengebäudes der örtlichen Pfarrgemeinde anzubringen, wurde vom zuständigen Pfarrgemeinderat abgelehnt. Die Begründung lautete, dass es im Bereich des Kirchengebäudes auch für die Gefallenen der beiden Weltkriege keine Gedenktafeln gebe. Als Alternative wurde eine Fläche in der Nähe der Krypta auf dem Friedhof vorgeschlagen. Dort war der Leichnam von Anton Reinhardt bis zur Einebnung seines Grabes auch bestattet gewesen. Dieser Vorschlag stellte schließlich für alle Beteiligten eine einvernehmliche Lösung dar.

Im Februar 2000 konnte Bürgermeister Herden mitteilen, dass der Verwaltungsausschuss der Gemeinde für die Errichtung des Gedenksteins einen Betrag in Höhe von 2000,- DM zur Verfügung stellen werde. Er hielt abschließend zur Bedeutung des Erinnerungszeichens nochmals fest: „Es wäre mir eine große Genugtuung, wenn wir mit diesem Gedenkstein ein dauerhaftes Zeichen gegen Gewalt und Rassenwahn, für Humanität und Recht setzen dürften, damit nie wieder und nirgendwo auf der Welt geschehen möge, was Anton Reinhardt und unzählige andere Menschen erleiden mussten.“

Am 16. Oktober 2020 konnte die Einweihung des Gedenksteins in Anwesenheit von Familienangehörigen des Ermordeten vollzogen werden. Voraus ging ein Gottesdienst in der Pfarrkirche, in dessen Anschluss die feierliche Enthüllung auf dem Friedhof durch Bürgermeister Ralf Herden und Romani Rosse erfolgte. Ralf Herden betonte in seiner bewegenden Ansprache: „Wir wollen damit dokumentieren, dass in der Gemeinde jene abscheuliche Tat nicht in Vergessenheit geraten ist, welche am Karsamstag 1945 im Bad Rippoldsauer Staatswald, unweit unseres Friedhofs, geschah. Wenn wir über den Gedenkstein hinwegblicken, sehen wir in Richtung des Ortes des Geschehens. [….] Seine Mahnung an uns soll es sein, für die unantastbare Menschenwürde, den freiheitlichen, sozialen und demokratischen Rechtsstaat und die Umsetzung der christlichen Gebote unseres Herrgottes im Alltag einzutreten. Jedem von uns sei entgegengehalten: Menschen kann man dahinverleumden und dahinmeucheln, Ideen und Ideale nicht.“ Den Abschluss der Feierlichkeit bildete eine Begegnung mit Bürger*innen und Beteiligten im Pfarrheim.

Gestaltung

Die Schrifttafel aus Bronze wurde von Reinhold Seemann angefertigt. Der aus Wolfach stammende Steinmetz und Bildhauer erlernte seinen Beruf in den 1960er Jahren. Er übernahm im Jahr 1975 den Betrieb seines Vaters. Im gleichen Jahr erhielt er den Goldenen Meisterbrief.
Zu seinen Werken zählen u.a.:
- Stadtgedenkstein aus Kirchheimer Muschelkalk mit Abbildungen der beiden Stadttore und einem Grundriss von Wolfach
- Wolfacher Stadtbrunnen
- Ausstattung der evangelischen Kirche in Wolfach mit Altartisch, Kanzel und Taufbecken
- Friedhofskreuz in Oberwolfach
- Kriegerehrenmale in Bad Rippoldsau und Schiltach
- Flößer-Relief im Landratsamt in Offenburg

Quellenangaben

Archiv Dokumentations- und Kulturzentrum, Heidelberg: Sammlung Gedenkorte

Wir danken Franz Schmid (Bad Rippoldsau) für die Fotoaufnahmen vor Ort und die freundliche Unterstützung.