Berlin, Bergmannstraße

Benennung des Boxcamps nach Johann Trollmann
  • Stele am Eingang zum ehemaligen Schulhof (Foto: Andreas Pflock)
  • Schriftzug an der Fassade der Boxhalle (Foto: Andreas Pflock)
  • Eingangsbereich mit Stele (Foto: Andreas Pflock)
  • Eingangsbereich zum Johann-Trollmann-Boxcamp (Foto: Andreas Pflock)

Kurzinformation

Benennung des Boxcamps nach Johann Trollmann

Beschreibung

Im Berliner Stadtteil Kreuzberg befindet sich gegenüber der bekannten Marheineke-Markthalle der Innenhof der 2004 geschlossenen Rosegger-Grundschule. Am linken gemauerten Eingangspfosten wurde eine rund zwei Meter hohe Stele aus Edelstahl mit einem großformatigen Foto des Boxers Johann Trollmann angebracht. Ein Text in deutscher und englischer Sprache informiert über seine Lebens- und Verfolgungsgeschichte.

„Johann Trollmann
*27.12.1907 +1944
Johann „Rukeli“ Trollmann wurde am 27. Dezember 1907 als Sohn einer sinto-deutschen Familie in Wilsche bei Gifhorn geboren und wuchs in Hannover auf. Er war ein versierter Mittelgewichtsboxer und gewann am 9. Juni 1933 den deutschen Meisterschaftskampf im Halbschwergewicht, der im Sommergarten der Bockbierbrauerei an der Kreuzberger Fidicinstraße stattfand. Der Titel wurde ihm aber unter fadenscheinigen Begründungen aberkannt, und der Boxverband drohte mit Entzug seiner Lizenz, sollte er weiterhin „zigeunerhaft“ tänzelnd, also „undeutsch“ boxen und sich nicht dem „deutschen Kampf“ stellen. Daraufhin stieg Trollmann am 21. Juli 1933 mit hell gefärbten Haaren und weiß gepuderter Haut gegen Gustav Eder in den Ring. Seine Selbstinszenierung als arischer Kämpfer karikierte die ihm von den NS-Sportfunktionären abverlangte Rolle. Da er noch dazu auf seinen beweglichen Boxstil verzichtete, war er nach fünf Runden k.o. geschlagen und seine Karriere als Boxer besiegelt.[sic] Im Juni 1942 wurde Trollmann in das KZKonzentrationslager Konzentrationslager (kurz: KZ oder KL) waren das wichtigste Instrument der NS-Terrorherrschaft. Erste Lager entstanden schon im März 1933, kurz nach der Machtübernahme der NSDAP, anfangs noch in u.a. leeren Fabrikgebäuden, ehemaligen Gefängnissen und Kellergewölben. Bis Kriegsbeginn wurden sieben Konzentrationslager errichtet, bis Ende des Krieges waren es 22 Hauptlager mit weit über 1.000 Außenlagern und Außenkommandos. Alle, die von den Nationalsozialisten zu weltanschaulichen, religiösen und „rassischen“ Gegnerinnen und Gegnern erklärt worden waren, sollten dort inhaftiert werden. Darunter befanden sich vor allem Juden, Sinti, Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Kommunisten, Sozialisten und andere politische Gegner. Mit Kriegsbeginn verschärften sich die Haftbedingungen weiter und die Ermordung der Gefangenen wurde zur Selbstverständlichkeit. Die Arbeitskraft der Häftlinge sollte bis zur völligen Erschöpfung oder bis zum Tod für die Kriegswirtschaft ausgenutzt werden. Die SS bezeichnete dies als "Vernichtung durch Arbeit". Neuengamme deportiert und 1944 im Nebenlager Wittenberge erschlagen. Johann Trollmann ist wie eine halbe Million anderer Sinti und Roma Opfer des nationalsozialistischen Völkermords; sie wurden aus rassistischen Gründen verfolgt und ermordet. Der Meisterschaftstitel wurde ihm 2003 vom Bund Deutscher Berufsboxer wieder zuerkannt, so dass Johann „Rukeli“ Trollmann heute wieder offiziell als Deutscher Meister im Halbschwergewicht geführt wird.

„Ruk“ heißt in der Sprache der Sinti und Roma, dem Romanes, Baum. Trollmanns Familie gab dem Kind diesen Beinamen, weil seine aufrechte Statur an einen gerade gewachsenen, biegsamen und schönen Baum erinnerte.“

Das nach Johann Trollmann benannte Boxcamp in der ehemaligen Schulsporthalle dient heute als Trainingsraum mehrerer Boxsportvereine, darunter „Boxgirls Berlin“, „Voktoria 1971“ und „SV Seitenwechsel“. An der zur Bergmannstraße gerichteten Hallenseite wurde in Großbuchstaben der Schriftzug „Johann-Trollmann-Boxcamp“ angebracht.

Entstehung

Die Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg beauftragte in ihrer Sitzung am 24. März 2010 das zuständige Bezirksamt damit, zum 27. Januar 2011 eine Veranstaltung zu Ehren und zum Gedenken der während der NS-Zeit ermordeten Sinti und Roma zu organisieren und durchzuführen. Im Juni und Juli 2010 wurde zudem im Kreuzberger Viktoriapark das temporäre Denkmal „9841“ zur Erinnerung an Johann Trollmann eingeweiht.

Vor diesem Hintergrund entstand die Initiative des Bezirksstadtrats für Kultur und Sport, Dr. Jan Stöß, gemeinsam mit dem Großneffen von Johann Trollmann, Manuel Trollmann, die Sporthalle der ehemaligen Rosegger-Grundschule nach dem Boxer zu benennen. Die Feierlichkeit erfolgte schließlich im Rahmen eines umfangreichen Veranstaltungsprogramms am 27. und 28. Januar 2011 mit u.a. Lesungen und Filmvorführungen.

Quellenangaben

Archiv Dokumentations- und Kulturzentrum, Heidelberg: Sammlung Gedenkorte

Herold, Kathrin/Robel, Yvonne: Zwischen Boxring und Stolperstein – Johann Trollmann in der gegenwärtigen Erinnerung, in: KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hrsg.): Die Verfolgung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus (Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland, Heft 14), Bremen 2012, S. 144-155.

https://www.gedenktafeln-in-berlin.de/ am 26.08.2019

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