Bremerhaven, Karlsburg

Gedenktafel für die deportierten und ermordeten Bremerhavener Sinti und Roma
  • (Foto: Frank Reuter)
  • Oberbürgermeister Richter, Stadtrat Weiß, Romani Rose und Kulturamtsleiterin Lehr bei der Einweihung der Gedenktafel 1995 (Foto: Wolfhard Scheer)
  • (Foto: Frank Reuter)

Kurzinformation

Gedenktafel für die deportierten und ermordeten Bremerhavener Sinti und Roma

Beschreibung

Die Gedenktafel erinnert am Standort des ehemaligen Polizeigefängnisses und Sammelorts an die Deportationen der Bremerhavener Sinti und Roma in den Jahren 1940 und 1943. Sie befindet sich im Stadtzentrum von Bremerhaven, am heutigen Gebäude L der Hochschule Bremerhaven/Kunsthalle.

Die 120 x 90 cm große Bronzetafel trägt folgende Inschrift:
„Während des NS-Regimes wurden an diesem Ort, dem ehemaligen Gefängnis an der Karlsburg, am 16. Mai 1940 Bremerhavener Sinti und Roma interniert. Von hier aus wurden sie über Hamburg nach Osteuropa in die verschiedenen KonzentrationslagerKonzentrationslager Konzentrationslager (kurz: KZ oder KL) waren das wichtigste Instrument der NS-Terrorherrschaft. Erste Lager entstanden schon im März 1933, kurz nach der Machtübernahme der NSDAP, anfangs noch in u.a. leeren Fabrikgebäuden, ehemaligen Gefängnissen und Kellergewölben. Bis Kriegsbeginn wurden sieben Konzentrationslager errichtet, bis Ende des Krieges waren es 22 Hauptlager mit weit über 1.000 Außenlagern und Außenkommandos. Alle, die von den Nationalsozialisten zu weltanschaulichen, religiösen und „rassischen“ Gegnerinnen und Gegnern erklärt worden waren, sollten dort inhaftiert werden. Darunter befanden sich vor allem Juden, Sinti, Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Kommunisten, Sozialisten und andere politische Gegner. Mit Kriegsbeginn verschärften sich die Haftbedingungen weiter und die Ermordung der Gefangenen wurde zur Selbstverständlichkeit. Die Arbeitskraft der Häftlinge sollte bis zur völligen Erschöpfung oder bis zum Tod für die Kriegswirtschaft ausgenutzt werden. Die SS bezeichnete dies als "Vernichtung durch Arbeit". verschleppt. Im März 1943 wurden Sinti und Rom aus unserer Stadt über das Sammellager im Bremer Schlachthof in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Fast alle wurden ermordet. Mit ihnen fielen über 500.000 Sinti und Roma dem nationalsozialistischen Rassenwahn zum Opfer. Wir gedenken der Toten und mahnen die Lebenden, Unmenschlichkeit und RassismusRassismus Rassismus ist eine Form von Diskriminierung, bei der Menschen nicht als Individuen, sondern als Teil einer einheitlichen Gruppe mit bestimmten (meist negativen) Merkmalen und Charaktereigenschaften angesehen werden. Durch Rassismus wurden und werden Menschen aufgrund der realen oder vorgestellten Zugehörigkeit (beispielsweise zu einer Volksgruppe, Nationalität etc.) oder aufgrund äußerer Merkmale, einer bestimmten Religion oder Kultur vorverurteilt, ausgegrenzt, benachteiligt, unterdrückt, gewaltsam vertrieben, verfolgt und ermordet. entgegenzutreten."

Entstehung

Die Anbringung der Gedenktafel geht auf eine Initiative des Bremerhavener Sinti-Vereins zurück. Im Januar 1994 wandte sich der Verein an den Stadtrat für Kultur. Forschungen im Rahmen eines Projektes zur Verfolgung der Sinti und Roma in Bremen und Bremerhaven hatten damals ergeben, dass bereits im Mai 1940 eine erste DeportationDeportation Bezeichnung für die zwangsweise Um- oder Aussiedlung von Menschen aus ihren Wohngebieten, zum Teil unter Androhung und Anwendung von Gewalt. Während der NS-Zeit wurden ganze Bevölkerungsgruppen wie Juden oder Sinti und Roma zunächst aus dem Deutschen Reich, dann auch aus dem übrigen Europa, in Sammellager, Gettos und Konzentrations- oder Vernichtungslager in die besetzten Ostgebiete deportiert und dort ermordet. Oft wurde dies auch zur Tarnung als "Evakuierung" bezeichnet. von Bremerhaven aus erfolgt war. Als Sammelort hatte das Polizeigefängnis Karlsburg gedient. Der Vorsitzende des Vereins, Oskar Engelbert, schlug daher vor: „Aus diesem Grund erscheint es uns angebracht, an dieser Stelle, dem Standort der heutigen Kunsthalle, an die Verfolgung der Bremerhavener Sinti durch das Aufstellen einer Gedenktafel zu erinnern. Für die Realisierung des Projektes bitten wir Sie um Unterstützung und stellen einen Antrag auf finanzielle Bezuschussung.“ 

Obwohl das Kulturamt unmittelbar Unterstützung zusagte und nach mehreren Besprechungen zum Entwurf und Standort des Erinnerungszeichens im Januar 1995 ein Finanzierungsplan zur Realisierung beabsichtigt war, wandte sich der Bremerhavener Magistrat durch einen Beschluss vom 23.11.1994 gegen diese Initiative: „Der Magistrat hält es aus grundsätzlichen Erwägungen nicht für angebracht, die verschiedenen Gruppierungen von Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in differenzierter Form zu würdigen und dabei ggf. noch den Versuch einer Gewichtung nach dem Ausmaß des Leidensdruckes der Betroffenen zu unternehmen. Seines Erachtens sollten die hier angesprochenen Gruppen der Sinti und Roma mit in den Gesamtrahmen offizieller Gedenkakte einbezogen werden. Insofern sieht der Magistrat keine Veranlassung, der angeregten Errichtung eines weiteren Gedenksteines näherzutreten.“ Die angesprochene „differenzierte Form der Würdigung“ war jedoch längst Praxis, da bereits Erinnerungszeichen für unterschiedliche Verfolgtengruppen, wie u. a. Gewerkschafter, Juden und ZwangsarbeiterZwangsarbeit Bezeichnung für die Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft ohne oder mit nur sehr geringer Bezahlung. Das nationalsozialistische Deutschland schuf mit insgesamt über 12 Millionen Zwangsarbeiter*innen eines der größten Zwangsarbeitssysteme der Geschichte. Neben Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen wurden Millionen von Zivilisten aus besetzten Staaten Europas größtenteils verschleppt und von der deutschen Industrie als Zwangsarbeiter*innen missbraucht., existierten.

Nachdem der Bremerhavener Sinti-Verein beim Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma dessen Unterstützung erbeten hatte, wandte sich Romani Rose am 25. Januar 1995 mit klaren Worten an den Bremerhavener Oberbürgermeister Karl Willms: „Angesichts der historischen Hintergründe kann dieser Beschluss nur als ein bewusster Versuch gewertet werden, die gegen Sinti und Roma gerichteten NS-Völkermordverbrechen aus der historischen Erinnerung auszugrenzen bzw. zu relativieren. […] Ich appelliere daher an Sie, […] sich für die Errichtung eines Gedenksteins für die verfolgten und ermordeten Sinti und Roma aus Bremerhaven persönlich einzusetzen, da die ablehnende Haltung des Magistrats für uns aus Verpflichtung für unsere ermordeten Menschen unakzeptabel ist.“ Unterstützung erfuhr das Anliegen zudem vom Bremer Bürgermeister Klaus Wedemeier, der sich in einem Schreiben an den Bremerhavener Oberbürgermeister nachdrücklich für die Schaffung eines Erinnerungszeichens einsetzte.

Die Intervention zeigt Mitte März ersten Erfolg. Über das Kulturamt ließ der Oberbürgermeister mitteilen, dass der Beschluss des Stadtrates nicht bedeute, dass es keine Gedenktafel für die Sinti und Roma geben solle. Im Gegenteil: Man wolle sich für die Einweihung derselben und eine jährliche Gedenkveranstaltung einsetzen. Bei einem Besuch des Stadtrats Weiß im Heidelberger Dokumentations- und Kulturzentrum am 13. April konnten bestehende Irritationen aus dem Weg geräumt werden, so dass einer Realisierung des Erinnerungszeichens nunmehr nichts mehr im Wege stand. Anfang Juni wurde der Text der Tafel verbindlich zwischen dem Kulturamt und dem Bremerhavener Sinti-Verein abgestimmt und der Ablauf für die Einweihung vereinbart. Am 12. September 1995 beschloss der Kulturausschuss die Anbringung der Gedenktafel, die schließlich am 8. Dezember von Oberbürgermeister Manfred Richter feierlich eingeweiht werden konnte. Seitdem ist sie Mittelpunkt regelmäßiger Gedenkfeiern zur Erinnerung an die Verfolgung und Deportation von Sinti und Roma.

Gestaltung

Die Gedenktafel wurde von der Bremerhavener "Raguse & Voss Metallgießerei GmbH" angefertigt.

Quellenangaben

Archiv Dokumentations- und Kulturzentrum, Heidelberg: Sammlung Gedenkorte

Hesse, Hans/Schreiber, Jens: Vom Schlachthof nach Auschwitz. Die NS-Verfolgung der Sinti und Roma aus Bremen, Bremerhaven und Nordwestdeutschland, Marburg 1999.

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