Darmstadt, Große Bachgasse

Denkmal für die aus Darmstadt deportierten und ermordeten Sinti und Roma
  • Vorderansicht des Denkmals (Foto: Archiv DokuZ)
  • Rückwärtige Ansicht des Denkmals (Foto: Archiv DokuZ)
  • Seitenansicht mit der Inschrift zum historischen Hintergrund (Foto: Archiv DokuZ)
  • Detailansicht der Inschrift (Foto: Archiv DokuZ)

Kurzinformation

Denkmal für die aus Darmstadt deportierten und ermordeten Sinti und Roma

Beschreibung

Das Denkmal befindet sich gegenüber der Volkshochschule im Bereich der einstigen, 1944 durch Bomben fast vollständig zerstörten, Darmstädter Altstadt. Der Standort wurde ausgewählt, weil dort die meisten der Sinti und Roma vor ihrer DeportationDeportation Bezeichnung für die zwangsweise Um- oder Aussiedlung von Menschen aus ihren Wohngebieten, zum Teil unter Androhung und Anwendung von Gewalt. Während der NS-Zeit wurden ganze Bevölkerungsgruppen wie Juden oder Sinti und Roma zunächst aus dem Deutschen Reich, dann auch aus dem übrigen Europa, in Sammellager, Gettos und Konzentrations- oder Vernichtungslager in die besetzten Ostgebiete deportiert und dort ermordet. Oft wurde dies auch zur Tarnung als "Evakuierung" bezeichnet. als Arbeiter und Handwerker gelebt hatten.

In Grundform eines Keils deutet das Denkmal den Keil an, den die Nationalsozialisten mit ihrer menschenverachtenden IdeologieIdeologie Ideologie stammt vom griechischen Wort „ideologia“ und bedeutet auf Deutsch „Ideenlehre“. Mit Ideologie bezeichnet man bestimmte politische Ideen (z.B. Sozialismus, Marxismus, Kommunismus, Konservatismus oder Liberalismus). Ideologien sind nicht richtig oder falsch, sondern spiegeln bestimmte Wertvorstellungen wider. Wer eine Ideologie vertritt, zeigt, dass sie oder er mit den Vorstellungen, mit den Werten dieser Idee einverstanden ist und diese auch in der Politik umsetzen möchte. Gefährlich werden Ideologien dann, wenn nur mehr eine einzige erlaubt ist und alle Menschen, die andere Ideologien vertreten oder sich für diese einsetzen, daran gehindert oder verfolgt werden. Dies war zum Beispiel in Diktaturen wie dem Nationalsozialismus der Fall. und Politik in die Gesellschaft trieben. Das Denkmal besteht aus rostendem Eisen: vier Meter lang, zweieinhalb Meter hoch und drei Tonnen schwer. Auf der einen Seite wurden fünf, mit hellem Metall umrahmte, schwarze Marmortafeln angebracht. Als „tote Fenster“ stehen sie für die Vergangenheit und rufen aus der Ferne Assoziationen an einen Bahnwaggon hervor. Darunter befinden sich kleine Kupfertafeln mit Zitaten von Darmstädter Sinti, die den VölkermordVölkermord Bezeichnung für die vorsätzliche Ermordung, Ausrottung oder anderweitige Vernichtung von Volksgruppen aufgrund ihrer vermeintlich rassischen, ethnischen oder sozialen Merkmale, ihrer Nationalität oder religiösen Überzeugungen. 1948 verabschiedeten die Vereinten Nationen einen völkerrechtlichen Vertrag über die Verhütung und die Bestrafung von Völkermorden. überlebten, wie u.a. von Alwine Keck („Es gibt da Erinnerungen, die sind jenseits von Erzählen. Meine Geschwister sind alle vergast worden.“) und Martin Wick („Ich kann nur wenig erzählen. Sonst kann ich damit nicht leben. Mein jüngster Bruder war erst zwei Jahre alt, als er…“). Weiße Marmortafeln auf der anderen Längsseite stehen für die Gegenwart. Ein Zitat von Alwine Keck verweist hier auf die fortbestehende Ausgrenzung und Diskriminierung von Sinti und Roma: „Mer gelde immer noch net odder schon widder net als Damstädder.“

An der Stirnseite wurde ein dokumentarischer Text angebracht, der vom Hessischen Landesverband Deutscher Sinti und Roma formuliert wurde und folgenden Wortlaut trägt: „Hier in der ehemaligen Brandgasse wie auch in anderen Straßen der Altstadt wohnten bis März 1943 viele Sinti Familien. Auf der Grundlage des Auschwitz Erlasses wurden am 15.6.1943 fast alle Darmstädter Sinti wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Nach der letzten Tötungs-SelektionSelektion Bezeichnung für die Einteilung von Menschen in Kategorien wie „lebenswert“ oder „lebensunwert“. Beispielsweise fanden bei der Ankunft von Transporten im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau Selektionen statt. Die Menschen wurden in „Arbeitsfähige“ und „Nichtarbeitsfähige“ (und damit zum Tod in den Gaskammern) eingeteilt. am 2.8.1944 wurden die meisten Darmstädter Sinti in der Nacht auf den 3.8.1944 ermordet. Insgesamt fielen dem nationalsozialistischen Völkermord über 500.000 Sinti und Roma zum Opfer. Den Toten zum Gedenken, den Lebenden zur Mahnung. Darmstadt 15. März 1997.“

Entstehung

Die Errichtung des Denkmals wurde vom Hessischen Landesverband Deutscher Sinti und Roma initiiert. 1995 griff der Magistrat der Stadt Darmstadt, der den Entwurf und Bau schließlich in Auftrag gab, diese Idee auf. Die Stadt hatte 1995 zudem eine Gedenkfeier und die Erstellung einer wissenschaftlichen Dokumentation zur Verfolgung der Darmstädter Sinti gefördert. Das Denkmal war nach Wiesbaden (1992) das zweite hessische Denkmal, zur Erinnerung an die Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus.

Nach einem bewegenden Schweigemarsch vom Darmstädter Schloss zum Denkmal wurde das Denkmal am 15. März 1997 mit Ansprachen des Darmstädter Oberbürgermeisters Peter Benz und des Vorsitzenden des Hessischen Landesverbands Deutscher Sinti und Roma, Adam Strauß, in Anwesenheit von rund 200 Teilnehmenden feierlich enthüllt. Dabei würdigte Adam Strauß das Denkmal als „ein Hoffnungszeichen für Versöhnung und einen gleichberechtigten Dialog“.

Gestaltung

Das Konzept und die Gestaltung des Denkmals wurden vom Darmstädter Künstler Bernhard Meyer (Künstlername Bernhard&Meyer) entworfen und durchgeführt. Er absolvierte ein akademisches Studium in Darmstadt, Paris und Canterbury und präsentiert seine Arbeiten seit 1976 in zahlreichen Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen. Bernhard Meyer entwarf (Auftrags-)Arbeiten in einem weiten künstlerischen Spektrum vom Denkmalsbau über Buchobjekte, Druckgrafik, Design und Malerei bis hin zur Objektkunst. Er ist Mitglied des Bundesverbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK) und war von 1996 bis 2012 Landesvorsitzender des BBK Hessen. Bernhard Meyer gilt als einer der vielseitigsten und originellsten Künstler und Kunstvermittler Darmstadts.

Quellenangaben

Archiv Dokumentations- und Kulturzentrum, Heidelberg: Sammlung Gedenkorte

Heuß, Herbert: Darmstadt. Auschwitz. Die Verfolgung der Sinti in Darmstadt, Darmstadt 1995.

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