Flensburg, Norderstraße

Gedenktafel für die aus Flensburg deportierte Sinti-Familie Weiß
  • Gedenktafel Norderstraße 104 (Foto: Edith Hövelmann)
  • Matthäus Weiß, Vorsitzender des Landesverbands Dt. Sinti und Roma Schleswig-Holstein, bei seiner Ansprache (Foto: Edith Hövelmann)
  • Blick in die Norderstraße. rechts die Hausnummer 104 (Foto: Edith Hövelmann)
  • Gedenktafel an der Hausfassade Norderstraße 104 (Foto: Edith Hövelmann)
  • Musikalische Umrahmung der Einweihungsfeierlichkeit durch Ewald und Lugano Weiß (Foto: Edith Hövelmann)

Kurzinformation

Gedenktafel für die aus Flensburg deportierte Sinti-Familie Weiß

Beschreibung

Die Gedenktafel befindet sich inmitten des städtischen Lebens in einer historischen Durchgangsstraße der Flensburger Altstadt, die heute als multikulturelles Viertel gilt. Neben Geschäften und Restaurants befinden sich hier auch das Generalsekretariat der SSF (die kulturelle Hauptorganisation der dänischen Minderheit in Schleswig-Holstein), die Dänische Zentralbibliothek sowie Deutschlands stark frequentierte erste Ausstellung zu Gesetzen und Phänomenen der Physik: die Phänomenta.

Die an der Hausfassade angebrachte 70 x 40 cm große Bronzetafel trägt folgende Inschrift:

"Hier wohnten 
Karl Weiß (*1872) Antonie Weiß (*1875) Amalie Weiß (*1900) Rosine Weiß (*1899) Selma Weiß (*1901) Christof Weiß (*1922)
1935 wurden sie als Zigeuner in das Lager Valentinerallee am Stadtrand zwangsumgesiedelt und 1940 zusammen mit weiteren Sinti aus Flensburg von den Nationalsozialisten deportiert und in Kielce/Polen ermordet."

Entstehung

Die Gedenktafel geht auf eine Initiative des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma und des Landesverbands Deutscher Sinti und Roma Schleswig-Holstein zurück. Am 28. Mai 1999 wandte sich der Geschäftsführer des Dokumentationszentrums Romani Rose an den Flensburger Oberbürgermeister und wies darauf hin: „[…], dass Sinti und Roma auch aus der Region Flensburg ebenso wie die jüdischen Menschen von der DeportationDeportation Bezeichnung für die zwangsweise Um- oder Aussiedlung von Menschen aus ihren Wohngebieten, zum Teil unter Androhung und Anwendung von Gewalt. Während der NS-Zeit wurden ganze Bevölkerungsgruppen wie Juden oder Sinti und Roma zunächst aus dem Deutschen Reich, dann auch aus dem übrigen Europa, in Sammellager, Gettos und Konzentrations- oder Vernichtungslager in die besetzten Ostgebiete deportiert und dort ermordet. Oft wurde dies auch zur Tarnung als "Evakuierung" bezeichnet. in die Vernichtungslager betroffen waren. […] Inzwischen gibt es an vielen Orten Deutschlands Gedenksteine und Mahnmale, welche an die Sinti und Roma, die dem nationalsozialistischen VölkermordVölkermord Bezeichnung für die vorsätzliche Ermordung, Ausrottung oder anderweitige Vernichtung von Volksgruppen aufgrund ihrer vermeintlich rassischen, ethnischen oder sozialen Merkmale, ihrer Nationalität oder religiösen Überzeugungen. 1948 verabschiedeten die Vereinten Nationen einen völkerrechtlichen Vertrag über die Verhütung und die Bestrafung von Völkermorden. zum Opfer fielen, als ehemalige Bürger erinnern, etwa in Köln, Heidelberg, Ludwigshafen, Worms, Marburg, Oldenburg, Bremerhaven, Hamburg-Geesthacht oder Magdeburg. […] Auch die Stadt Flensburg darf sich über 50 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft nicht ihrer historischen Verantwortung entziehen. […] Ich möchte Sie deshalb ebenfalls bitten, sich persönlich dafür einzusetzen, dass die Stadt Flensburg zum Gedenken an die verfolgten und ermordeten Angehörigen unserer Minderheit eine Gedenktafel an einem zentralen Ort errichtet.“

Knapp zwei Wochen später antwortete Oberbürgermeister Dielewicz, dass er „Verständnis für die Anregung eines Gedenkens habe“, ließ jedoch zugleich wissen: „In Flensburg wird schon heute an verschiedenen Orten und auf unterschiedliche Art und Weise den Opfern der Gewaltherrschaft von 1933 bis 1945 öffentlich gedacht. […] Ich bitte um Verständnis, dass die Stadt Flensburg zunächst keine betroffene Gruppe besonders hervorheben wird und die von Ihnen angeregte Gedenktafel nicht vor einer Gedenkstätte für jüdische NS-Opfer realisiert werden kann.“ Zugleich lud er Vertreter des Landesverbandes zur Mitwirkung an einem städtischen Arbeitskreis zur Erinnerungsarbeit ein und eröffnete damit den Dialog zur Entstehung der heutigen Gedenktafel.

Im Rahmen der Schaffung von unterschiedlichen städtischen Erinnerungszeichen nahm die Planung eines Gedenkortes für die Sinti und Roma im Mai 2007 schließlich konkrete Formen an. Angeregt vom Historiker und Leiter des Stadtarchivs Broder Schwensen und dem Vorsitzenden des Landesverbandes, Matthäus Weiß, bildete sich ein privater Initiativkreis bestehend aus dem Journalisten Bernd Philipsen, dem VVN-Vorsitzenden Ludwig Hecker, dem SSW-Sekretär Gerhard Jessen, der Historikerin Bettina Goldberg, Edith Hövelmann, Gabriela Wirth und Ingrid Tegeler. Die Gruppe entwickelte bei regelmäßigen Treffen Form, Konzept und Text der Gedenktafel. Eine finanzielle Förderung konnte dank der Minderheitenbeauftragten des Landes Schleswig-Holstein, Caroline Schwarz, aus Landesmitteln ermöglicht werden. Weitere finanzielle Unterstützung kam von der Flensburger Stiftung der Wohnungsbaugenossenschaft „Selbsthilfe-Bauverein eG Flensburg“.

Als Ort für die Gedenktafel wurde eine Stelle gewählt, an der bis zu ihrer Zwangsumsiedlung an den Stadtrand die Sinti Familie Weiß gelebt hatte. Das aus dem 17. Jahrhundert stammende Haus wurde Mitte der 1930er Jahre als baufällig abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Der Familie wurde danach jedoch eine Rückkehr verwehrt. Die Familie Weiß wurde zusammen mit 40 bis 50 Flensburger Sinti im Mai 1940 nach Polen deportiert.

Die Einweihung der Gedenktafel fand bewusst an einem symbolträchtigen Datum statt: dem Jahrestag der Ermordung der letzten noch lebenden Sinti und Roma im KonzentrationslagerKonzentrationslager Konzentrationslager (kurz: KZ oder KL) waren das wichtigste Instrument der NS-Terrorherrschaft. Erste Lager entstanden schon im März 1933, kurz nach der Machtübernahme der NSDAP, anfangs noch in u.a. leeren Fabrikgebäuden, ehemaligen Gefängnissen und Kellergewölben. Bis Kriegsbeginn wurden sieben Konzentrationslager errichtet, bis Ende des Krieges waren es 22 Hauptlager mit weit über 1.000 Außenlagern und Außenkommandos. Alle, die von den Nationalsozialisten zu weltanschaulichen, religiösen und „rassischen“ Gegnerinnen und Gegnern erklärt worden waren, sollten dort inhaftiert werden. Darunter befanden sich vor allem Juden, Sinti, Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Kommunisten, Sozialisten und andere politische Gegner. Mit Kriegsbeginn verschärften sich die Haftbedingungen weiter und die Ermordung der Gefangenen wurde zur Selbstverständlichkeit. Die Arbeitskraft der Häftlinge sollte bis zur völligen Erschöpfung oder bis zum Tod für die Kriegswirtschaft ausgenutzt werden. Die SS bezeichnete dies als "Vernichtung durch Arbeit". Auschwitz im Jahr 1944 (dem heutigen Internationalen Gedenktag an den Völkermord an Sinti und Roma).  Im Rahmen der Einweihungsfeier hielten die Minderheitenbeauftragte Caroline Schwarz, der Stadtpräsident Christian Dewanger und der Vorsitzende des Landesverbands Deutscher Sinti und Roma Schleswig-Holstein, Matthäus Weiß, Ansprachen. Sie würdigten dabei das außerordentliche private Engagement, das zur Anbringung der Gedenktafel geführt hatte. Zugleich mahnten sie zur Wachsamkeit und zum Handeln gegenüber weiterhin bestehenden Vorurteilen gegenüber den Sinti und Roma.

Gestaltung

Die Gedenktafel wurde vom Bildhauer Siegbert Amler entworfen und gestaltet. Er wurde am 7. November 1929 in Hirschberg (Schlesien) geboren. Nachdem er seine Heimat im Jahr 1946 verlassen musste, arbeitet er zunächst in der Landwirtschaft. Zwischen 1948 und 1952 absolvierte er eine Ausbildung zum Holzbildhauer in Wolfenbüttel und Lemgo. Ab 1950 nahm er Zeichenunterricht bei Prof. Ehlers in Detmold. Von 1954 bis 1956 studierte Siegbert Amler an der Werkkunstschule Flensburg und war dort von 1956 bis 1961 Meisterschüler von Fritz Thomas-Gottberg. Seit 1958 war er als freischaffender Künstler und gemeinsam mit seiner Frau in der Erwachsenenbildung in Deutschland und Dänemark tätig.

Siegbert Amler arbeitete u.a. mit Naturstein, Holz, Bronze, Aluminium, Keramik und Kunststoff und schuf Mosaike, Brunnen, Taufbecken und Kunst für den sakralen und profanen öffentlichen Raum. In über 70 Einzel- und Gruppenausstellungen präsentierte er seine Arbeiten. Siegbert Amler wurde 1998 mit der Ehrenmedaille der Stadt Jelenia Góra (Hirschberg) sowie mit dem Kulturpreis Schlesien des Landes Niedersachen (2006) und dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland (2010) ausgezeichnet. Er lebte und arbeitete in Glücksburg, wo er am 27. März 2019 starb.

Quellenangaben

Archiv Dokumentations- und Kulturzentrum, Heidelberg: Sammlung Gedenkorte

Marnau, Björn/Linck, Stephan: „Im Januar 1944 in Kielce/Polen verstorben." Die Flensburger „Zigeuner“ in den Jahren 1922 bis 1945, in: Stadtarchiv Flensburg/Institut für Zeit- und Regionalgeschichte Schleswig/Universität Flensburg (Hrsg.): Ausgebürgert. Ausgegrenzt. Ausgesondert. Flensburger Beiträge zur Zeitgeschichte, Band 3, Flensburg 1998, S. 190-222.

Lotto-Kusche, Sebastian: „…daß für sie die gewöhnlichen Rechtsbegriffe nicht gelten.“ Das NS-ZwangslagerZwangslager Nationalsozialistische Zwangslager für Sinti und Roma (häufig auch als „Zigeunerlager“ bezeichnet) entstanden ab Mitte der 1930er Jahre in zahlreichen deutschen Großstädten, wie u.a. in Köln, Düsseldorf, Fulda, Hamburg, Hannover, Köln und Magdeburg. Ihre Planung, Errichtung und ihr Betrieb gingen auf Initiativen kommunaler Behörden zurück. Die Lager waren meist polizeilich bewacht und dienten der Konzentration und Erfassung von Sinti und Roma, ihrer Rekrutierung als Zwangsarbeitskräfte sowie der Trennung der Insassen von der sogenannten "Volksgemeinschaft". Mit der zunehmenden Radikalisierung der Verfolgungsmaßnahmen dienten die Zwangslager letztendlich als Sammellager für die Deportationen in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. für „Zigeuner“ in Flensburg und dessen Wahrnehmung in der Stadtbevölkerung, in: Demokratische Geschichte. Jahrbuch für Schleswig-Holstein 28, Malente 2018, S. 225-238. Hier online abrufbar

https://de.wikipedia.org/wiki/Siegbert_Amler am 31.3.2020

Ein besonderer Dank geht an Edith Hövelmann (Flensburg) für die überlassenen Materialien, Informationen und Fotoaufnahmen.

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