Jena, Westbahnhof

Gedenktafel für die rassisch verfolgten Jenaer Bürgerinnen und Bürger
  • Blick auf das Bahnhofsgebäude (Foto: Andreas Pflock)
  • Bahnhofsgebäude mit Mittelbau aus dem Jahr 1908 (Foto: Andreas Pflock)
  • Infotafel zur Baugeschichte (Foto: Andreas Pflock)
  • Gedenktafel am Gleis 1 (Foto: Andreas Pflock)
  • Blick auf die Gedenktafel und den Eingang zur Schalterhalle (Foto: Andreas Pflock)
  • Blick auf Gleis 1 und das Bahnhofsgebäude (Foto: Andreas Pflock)

Kurzinformation

Gedenktafel für die rassisch verfolgten Jenaer Bürgerinnen und Bürger

Beschreibung

Der Jenaer Westbahnhof, der zweitälteste Bahnhof der Stadt, befindet sich rund 900 Meter südwestlich vom historischen Zentrum, im heutigen Stadtteil „Jena Süd“. Das Empfangsgebäude an der Bahnstrecke Weimar-Gera stammt aus dem Jahr 1878. Während der NS-Zeit diente der Bahnhof als Deportationsort.

Die Gedenktafel befindet sich an der dem Gleis 1 zugewandten Seite des Empfangsgebäudes. An den beiden oberen Ecken der Steintafel wurden zwei Symbole eingearbeitet: für die jüdischen Opfer ein Davidstern und ein symbolischer KZKonzentrationslager Konzentrationslager (kurz: KZ oder KL) waren das wichtigste Instrument der NS-Terrorherrschaft. Erste Lager entstanden schon im März 1933, kurz nach der Machtübernahme der NSDAP, anfangs noch in u.a. leeren Fabrikgebäuden, ehemaligen Gefängnissen und Kellergewölben. Bis Kriegsbeginn wurden sieben Konzentrationslager errichtet, bis Ende des Krieges waren es 22 Hauptlager mit weit über 1.000 Außenlagern und Außenkommandos. Alle, die von den Nationalsozialisten zu weltanschaulichen, religiösen und „rassischen“ Gegnerinnen und Gegnern erklärt worden waren, sollten dort inhaftiert werden. Darunter befanden sich vor allem Juden, Sinti, Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Kommunisten, Sozialisten und andere politische Gegner. Mit Kriegsbeginn verschärften sich die Haftbedingungen weiter und die Ermordung der Gefangenen wurde zur Selbstverständlichkeit. Die Arbeitskraft der Häftlinge sollte bis zur völligen Erschöpfung oder bis zum Tod für die Kriegswirtschaft ausgenutzt werden. Die SS bezeichnete dies als "Vernichtung durch Arbeit".-Häftlingswinkel mit einem „Z“ für die als „Zigeuner“ verfolgten Sinti und Roma. Der Text der Inschrift lautet:

"1933 – 1945
Zum Gedenken an unsere Jenaer Mitbürger, die rassisch verfolgten Juden, Roma und Sinti, die von hier aus in die faschistischen Todeslager deportiert wurden."

Hintergrund

Die Erinnerung an die Verfolgung und Ermordung von Jenaer Sinti und Roma ist eng mit der späten Aufarbeitung der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung verbunden. Diese setzte erst im Jahr 1985 ein, nachdem die beiden Opfergruppen jahrzehntelang aus dem offiziellen Geschichtsbild der DDR verdrängt worden waren. Ein 1985 vom evangelischen Pfarrer Albrecht Schröter gegründeter „Arbeitskreis Judentum“ führte im gleichen Jahr erstmals eine Veranstaltung zur Erinnerung an die Reichspogromnacht durch und gewann dadurch zahlreiche Kontakte zu Jenaer Jüdinnen und Juden, ihren Nachkommen wie auch Zeitzeugen. Drei Jahre später wurde am 9. November die Gedenktafel am Westbahnhof eingeweiht, nachdem der Rat der Stadt eine diesbezügliche Initiative des Arbeitskreises befürwortet hatte.

Die Tafel war aus Aluminiumguss gefertigt worden und erhielt einen Platz an der Außenwand des inzwischen abgerissenen Bahnmeistereigebäudes am Bahnsteig 1. Dass auf der Tafel auch Sinti als Verfolgtengruppe erwähnt wurden, war in der damaligen DDR einzigartig. Die Enthüllung nahm Dr. Hella Marquardt, 1. Stellvertreterin des Oberbürgermeisters, vor. Funktionäre der SED-Kreisleitung und des Kulturbundes der DDR hielten Ansprachen, während der „Arbeitskreis Judentum“ lediglich anwesend war und nicht aktiv an der Feierlichkeit beteiligt wurde.

1990 wurde die Gedenktafel von Unbekannten gestohlen und erst im Mai 2007 wieder aufgefunden. Erst nach öffentlichen Protesten ließ der Stadtrat eine neue Tafel anfertigen, die am 7.11.1992 eingeweiht wurde.  Im Unterschied zur ersten Tafel wurde sie aus Stein gefertigt, an der Fassade des Bahnhofsgebäudes neben dem Eingang zur Schalterhalle angebracht und ihre Inschrift um die Gruppe der Roma ergänzt. Der Historiker Axel Doßmann hinterfragt mit Blick auf die verwendete Symbolik von Davidstern und Häftlingswinkel mit „Z“ zu Recht, „inwiefern es gelingen kann, Opfer würdigend zu erinnern, wenn Denkmalstifter Symbole benutzen, die instrumenteller Teil der rassischen Erniedrigungen und der Verfolgung bis 1945“ waren. Möglicherweise sollte mit den Gestaltungselementen eine Parallele zu dem in der DDR an zahlreichen Denkmalen verwendeten roten Winkel für die politischen KZ-Häftlinge hergestellt werden. Sie weisen in jedem Fall darauf hin, dass zum Zeitpunkt der Gestaltung ein kritisches Bewusstsein für die Symbolik noch wenig ausgeprägt war.

Der Gedenkort am Westbahnhof hat sich seitdem als ein wesentlicher Ort des gesellschaftlichen und städtischen Gedenkens und Erinnerns an die NS-Zeit etabliert. Jährlich finden hier zum 9. November (Reichspogromnacht) Gedenkveranstaltungen mit unterschiedlichen begleitenden Programmen statt – seit 1992 auf offiziell durch die Stadt Jena.

Quellenangaben

Archiv Dokumentations- und Kulturzentrum, Heidelberg: Sammlung Gedenkorte

Thüringische Landeszeitung vom 12.11.1988.
Volkswacht vom 9. und 11.11.1988.

Doßmann, Axel: Versteinertes Gedenken. Zur Geschichte und Gegenwart von Denkmälern für die Opfer des Nationalsozialismus in Jena, in: Bartuschka, Marc (Hrsg.): Nationalsozialistische Lager und ihre Nachgeschichte in der Stadtregion Jena, Jena 2015, S.325-369.
Jenaer Arbeitskreis Judentum (Hrsg.): Juden in Jena. Eine Spurensuche, Jena 1998, S. 188f.
Puvogel, Ulrike/Stankowski, Martin u. a. (Hrsg.): Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation, Band 2, Bonn 1999, S. 839.
Stadtarchiv Jena/Jenaer Arbeitskreis Judentum (Hrsg.): Jüdische Lebenswege in Jena. Erinnerungen, Fragmente, Spuren, Jena 2015, S. 115f.

Wir danken dem Stadthistoriker Dr. Rüdiger Stutz (Jena Kultur) für seine Recherchen und Auskünfte vom 23.4. und 27.5.2020.

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