Mainz, Altenauergasse

Gedenkstele zur Erinnerung an die deportierten und ermordeten Mainzer Sinti und Roma
  • Enthüllung durch Jaques Delfeld, Landesverband der Sinti und Roma Rheinland Pfalz, und Oberbürgermeister Michael Ebling (Foto: Landesverband RLP)
  • Gedenkstele mit niedergelegten Blumen 2014 (Foto: Landesverband RLP)
  • Gedenkfeier im Mai 2014 (Foto: Landesverband RLP)

Kurzinformation

Gedenkstele zur Erinnerung an die deportierten und ermordeten Mainzer Sinti und Roma

Beschreibung

Das Erinnerungszeichen befindet sich im Mainzer Stadtzentrum in der Altenauergasse/Ecke Hintere Christofsgasse, rechts neben dem Haupteingang der Mainzer Alten- und Wohnheime gGmbH. Es ist Teil der städtischen Hinweistafeln "Historisches Mainz". Der Standort wurde gewählt, weil in unmittelbarer Nähe – in der damaligen Birnbaumsgasse – neun der Deportierten Mainzer Sinti bis 1940 gelebt hatten. Das Erinnerungszeichen besteht aus einer schwarzen, freistehenden Stele auf einer kleinen Grünfläche. Daran angebracht wurde eine 96 cm lange Inschriftentafel mit folgendem Text:

„Der Rassenwahn der Nationalsozialisten machte auch vor den in Mainz lebenden Sinti nicht halt. In der Nacht zum 16. Mai 1940 wurden 107 von ihnen deportiert, darunter 61 Säuglinge, Kinder und Jugendliche sowie 46 Frauen und Männer. Die meisten verschleppte man zusammen mit Sinti aus dem übrigen Rheinhessen und aus der Pfalz in das damals von deutschen Truppen besetzte Polen. Dort mussten die als ‚rassisch minderwertig‘ diffamierten Sinti unmenschliche ZwangsarbeitZwangsarbeit Bezeichnung für die Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft ohne oder mit nur sehr geringer Bezahlung. Das nationalsozialistische Deutschland schuf mit insgesamt über 12 Millionen Zwangsarbeiter*innen eines der größten Zwangsarbeitssysteme der Geschichte. Neben Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen wurden Millionen von Zivilisten aus besetzten Staaten Europas größtenteils verschleppt und von der deutschen Industrie als Zwangsarbeiter*innen missbraucht. leisten. Viele der Deportierten starben vor Erschöpfung und Hunger, sie wurden erschossen oder in den Gaskammern des sogenannten Zigeunerlagers Auschwitz-Birkenau ermordet. An den Kindern und Jugendlichen führte man grausame und menschenverachtende medizinische Versuche durch. Nur wenige der Mainzer Sinti überlebten den Terror der NS-Diktatur.“

Entstehung

Die Initiative zur Errichtung der Gedenkstele geht auf die Mainzer Bürgerin Hildegard Coester zurück. Durch einen Besuch der Ausstellung „Zug der Erinnerung“ und die persönliche Auseinandersetzung mit den Schicksalen verfolgter Kinder entstand ihr persönliches Anliegen, in Mainz ein sichtbares Zeichen zur Erinnerung an die deportierten Sinti und Roma zu schaffen. Ende Januar 2012 nahm Hildegard Coester an einer Bürgerfragestunde im Ortsbeirat Altstadt teil und bat den Ortsbeirat darum, sie bei der Gedenkarbeit für die am 16. Mai 1940 aus Mainz deportierten Sinti und Roma zu unterstützen. Der Rat stimmte dem Vorhaben zwar prinzipiell zu, doch stand die Frage im Raum, wer die entstehenden Kosten übernehmen sollte. Hildegard Coester reagierte engagiert und überzeugt, wie sie in einem Zeitungsbericht der Mainzer Allgemeinen Zeitung 2013 schilderte: „Die Kosten trage ich selbstverständlich, weil jeder fordern kann. Aber wenn ich fordere, muss ich auch beitragen.“ Ihrem Vorbild folgen mehrere Mitglieder des Ortsbeirats und machten mit Spenden schließlich die Realisierung der Gedenkstele möglich.

In Abstimmung zwischen dem Mainzer Stadtarchiv und Denkmalschutz sowie dem Landesverband der Sinti und Roma entstand der Text der Inschrift. Die Einweihung wurde bewusst auf den 16. Mai 2013 gelegt – den Tag, an dem im Jahr 1940 die 97 der 107 registrieren Sinti und Roma verhaftet und deportiert worden waren. Unter ihnen befanden sich 61 Kinder bzw. Jugendliche und sechs Säuglinge. Nachdem sie im Polizeipräsidium im Kronberger Hof ihre Pässe abgeben mussten, wurden sie über das Gefängnis Hohenasperg bei Stuttgart in das von den Nationalsozialisten besetzte Polen deportiert.

Im Rahmen der Einweihung hielten der Vorsitzende des Landesverbands Deutscher Sinti und Roma Rheinland-Pfalz, Jaques Delfeld, der Vizepräsident des rheinland-pfälzischen Landtags, Heinz-Hermann Schnabel und der Oberbürgermeister der Stadt Mainz, Michael Ebling, Ansprachen. Jacques Delfeld würdigte das außergewöhnliche Engagement der Initiatorin, erinnerte an mehrere Einzelschicksale der Deportierten und forderte zu Courage gegen RassismusRassismus Rassismus ist eine Form von Diskriminierung, bei der Menschen nicht als Individuen, sondern als Teil einer einheitlichen Gruppe mit bestimmten (meist negativen) Merkmalen und Charaktereigenschaften angesehen werden. Durch Rassismus wurden und werden Menschen aufgrund der realen oder vorgestellten Zugehörigkeit (beispielsweise zu einer Volksgruppe, Nationalität etc.) oder aufgrund äußerer Merkmale, einer bestimmten Religion oder Kultur vorverurteilt, ausgegrenzt, benachteiligt, unterdrückt, gewaltsam vertrieben, verfolgt und ermordet. und Diskriminierung in der Gegenwart auf. Die von Mitgliedern des Philharmonischen Vereins der Sinti und Roma musikalisch begleitete Feierstunde schloss mit Worten der Initiatorin Hildegard Coester ab: „Wer die Augen vor der Vergangenheit schließt, wird blind für die Gegenwart.“

Quellenangaben

Archiv Dokumentations- und Kulturzentrum, Heidelberg: Sammlung Gedenkorte
Archiv des Verbands Deutscher Sinti & Roma – Landesverband Rheinland-Pfalz, Landau

Mainzer Allgemeine Zeitung vom 19.2.2013: Erinnerungsort Birnbaumsgasse

Brüchert, Hedwig: Nationalsozialistischer Rassenwahn. Entrechtung, Verschleppung und Ermordung der Mainzer Juden, Sinti und geistig behinderten Menschen, in: Der Nationalsozialismus in Mainz 1933-45. Terror und Alltag, Hrsg. Stadt Mainz, Redaktion Wolfgang Dobras (Beiträge zur Geschichte der Stadt Mainz, Bd. 36), Mainz 2008, S. 79-92.

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