Adolf Heilig

„Ich dachte, wenn du gut bist, dann können sie dir nichts machen. Im Gegenteil: Dann brauchen sie dich.“
  • Adolf Heilig im Juni 2016 (Foto: Archiv DokuZ)
  • Adolf Heilig (Bildmitte) bei einer Protestkundgebung zur Durchsetzung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma im Jahr 2003 (Foto: Archiv DokuZ)
  • Adolf Heilig im Gespräch vor der Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas in Berlin am 24. Oktober 2012 (Foto: Archiv DokuZ)
  • Adolf Heilig mit Teilnehmenden einer internationalen Jugendkonferenz zur Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma im April 2016 (Foto: Archiv DokuZ)

Kurzinformation

„Ich dachte, wenn du gut bist, dann können sie dir nichts machen. Im Gegenteil: Dann brauchen sie dich.“

Im schlesischen Parchwitz (heute Prochowice/Polen) erblickte Adolf Heilig am 14. November 1928 im Gasthaus „Zum Kronprinzen“ das Licht der Welt. Er war das vierte von insgesamt elf Kindern. Seine Eltern, Meta und Julius Heilig, besaßen ein Marionettentheater, mit dem sie in ganz Deutschland ihr junges wie auch älteres Publikum begeisterten.

In seiner Familie trug Adolf Heilig schon bald den Spitznamen „Schwarzer“ – zu Ehren eines Mannes, der ihm als Baby das Leben gerettet hatte. Bei der Machtübertragung an die Nationalsozialisten im Jahr 1933 befand sich die Familie in Berlin, wo sie in vielen Schulen und Kindergärten zahlreiche Theateraufführungen spielte.

Doch dieser Erfolg wurde schon bald getrübt. Gerüchte, dass die Nationalsozialisten die in Berlin ansässigen Sinti und Roma in ein ZwangslagerInternierungslager Die Internierungslager/Zwangslager befanden sich in vielen größeren Städten Deutschlands und dienten schon ab 1935 dazu, Sinti und Roma möglichst vollständig von der übrigen Bevölkerung zu isolieren. Die Lager waren eingezäunt und wurden bewacht. Die Internierten waren einer strengen Lagerordnung unterworfen. Viele der Männer, Frauen und Kinder wurden bereits im Mai 1940 in die Gettos und Lager im besetzten Polen deportiert. Später dienten die Zwangslager als Sammellager beziehungsweise Durchgangsstationen ins Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. nach Berlin-Marzahn verschleppten, machten ab 1936 die Runde.

Gasthof "Zum Kronprinzen" in Parchwitz
Gasthof „Zum Kronprinzen“ in Parchwitz, Postkarte Ende des 19. Jahrhunderts (Foto: Archiv DokuZ)
Meta und Julius Heilig, die Eltern von Adolf Heilig
Meta und Julius Heilig, die Eltern von Adolf Heilig, Mitte der 1930er Jahre (Foto: Archiv DokuZ)

Gute Freunde warnten die Familie vor einer Verhaftungswelle und rieten, schnellstmöglich die Stadt zu verlassen. Auf der Flucht musste die Familie schweren Herzens ihre Theaterausstattung zurücklassen. Zunächst plante der Vater die Auswanderung aus Deutschland.

Kindheit und Jugend

„Aber ich war doch auch ein Mensch, ein Junge wie tausend andere.
Warum sollte ich abseitsstehen und nicht zu dieser Gesellschaft gehören? […]
Doch jetzt, nach diesem sportlichen Erfolg in Posen, fühlte ich mich frei:
frei von dem quälenden Gedanken, etwas ‚Unnormales‘ zu sein.
Ich war sogar Vorbild für jene, die glaubten, über mir zu stehen.“

Der Gedanke, die eigenen Eltern sowie viele Familienmitglieder und Freunde zurücklassen zu müssen, quälte Julius und Meta Heilig. Auch waren sie davon überzeugt, als „anständige“ deutsche Sinti-Familie nichts von den Nationalsozialisten befürchten zu müssen. Die Eltern entschieden sich schließlich gegen eine Auswanderung und zogen in die niedersächsische Stadt Zeven. Dort besuchte Adolf Heilig die Volksschule, während die Eltern ihr Geld durch Handel verdienten.

Wohnhaus der Familie Heilig in Unruhstadt, undatiert, Nachkriegsaufnahme
Wohnhaus der Familie Heilig in Unruhstadt, undatiert, Nachkriegsaufnahme (Foto: Archiv DokuZ)
Adolf Heilig mit seiner Schwester Klara vor dem Wohnhaus der Familie in Unruhstadt, 1944
Adolf Heilig mit seiner Schwester Klara vor dem Wohnhaus der Familie in Unruhstadt, 1944 (Foto: Archiv DokuZ)
Adolf Heilig (links) mit seinem Bruder Ernst in Unruhstadt.
Adolf Heilig (links) mit seinem Bruder Ernst in Unruhstadt. Adolf Heilig arbeitete zu diesem Zeitpunkt noch in der KfZ-Schlosserei König in Unruhstadt, sein Bruder in der örtlichen Brauerei, 1944 (Foto: Archiv DokuZ)

Adolf Heilig erlebte im kleinen Unruhstadt zunächst eine behütete Kindheit. Nur in der Schule musste er aufgrund seiner schwarzen Haare und dunkleren Hautfarbe immer wieder Diskriminierungen erleben. Aber er ließ sich nicht unterkriegen. Ein wichtiges Ereignis half ihm dabei: die Schulsportwettkämpfe 1940 in Posen (heute Poznan/Polen). Von rund 600 Schülern erreichte er den ersten Platz. Dieser Erfolg brachte ihm viel Anerkennung von Lehrern und Mitschülern, vor allem aber stärkte er sein Selbstbewusstsein. 1943 begann Adolf Heilig im Alter von 15 Jahren eine Lehre zum Autoschlosser. Voller Stolz konnte er dort den Führerschein machen, was damals eine Seltenheit war.

Der Verhaftung entkommen

„Beim Rausgehen hörte ich noch die Worte ‚Den Jungen kriegen sie nicht‘.
Ich wusste aber nicht, dass ich damit gemeint war, wie sich
später herausstellen sollte. Ich konnte mir auf die Frage und den Befehl
keinen Reim machen und nicht erklären, was das zu bedeuten hatte.“

Immer wieder erreichten Berichte über die Verhaftung von Sinti und Roma die Familie. Doch die Eltern dachten, dass die betreffenden Menschen sich etwas zu Schulden hatten kommen lassen. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass die Nationalsozialisten unschuldige Männer, Frauen und Kinder verfolgten. Viele der Familienangehörigen hatten im Ersten Weltkrieg für Deutschland, „ihr“ Land, gekämpft. Julius Heilig selbst war sogar als Soldat ausgezeichnet worden. Meta Heilig hatte das „Goldene Mutterkreuz“ von den Nationalsozialisten verliehen bekommen. Was sollte man also von den Nationalsozialisten befürchten?

1944 wurde Adolf Heilig als Soldat verpflichtet und in Gotenhafen (heute Gdynia/Polen) als Marinehelfer eingesetzt. Wenig später kam er auf einen Lehrgang und wurde schließlich Ausbilder in seiner Einheit. Als Adolf Heilig zu Weihnachten 1944 nach Unruhstadt reiste, traf er dort nur seine Mutter an. Aufgeregt berichtete sie, dass der Vater und die älteren Brüder abgeholt worden waren und man nach ihm suchte. Daraufhin verließ Adolf Heilig schnellstmöglich die Stadt. Wenig später floh auch die Mutter mit ihren kleineren Kindern Hals über Kopf aus Unruhstadt. Es gelang ihnen, unter den vielen Menschen, die vor der herannahenden Roten Armee flohen, unterzutauchen.

Adolf Heilig in Marineuniform am Standort Heisternest auf der Halbinsel Hela (heute Mierzeja Helska/Polen) im Jahr 1944 (Foto: Archiv DokuZ)

Adolf Heilig selbst entkam der drohenden Verhaftung, weil seine Vorgesetzten bei der Marine ihn mehrfach schützten. Auch wenn ihm dies erst nach dem Krieg deutlich wurde. Schließlich erhielt er den Auftrag, 27 andere junge Matrosen nach Kiel zu bringen. Dort erlebte Adolf Heilig am 8. Mai 1945 das Kriegsende. Seine Marineuniform führte dazu, dass er für vier Wochen in englische Kriegsgefangenschaft geriet. Weil er nicht nach Unruhstadt zurückkehren konnte, begab er sich auf eine Reise nach Bayern, wo vor dem Krieg ein Onkel von ihm gelebt hatte. Dort hoffte er, die Suche nach seiner Familie beginnen zu können.

Völlig überraschend traf er im kleinen Dorf Obertattenbach jedoch nicht nur seinen Onkel Rudolf, sondern auch seine Eltern und Geschwister an. Am 28. August 1945 war die Familie voller Freude wieder vereint. Durch Hilfe und durch Zufälle entkam sie der DeportationDeportation Bezeichnung für die zwangsweise Um- oder Aussiedlung von Menschen aus ihren Wohngebieten, zum Teil unter Androhung und Anwendung von Gewalt. Während der NS-Zeit wurden ganze Bevölkerungsgruppen wie Juden oder Sinti und Roma zunächst aus dem Deutschen Reich, dann auch aus dem übrigen Europa, in Sammellager, Gettos und Konzentrations- oder Vernichtungslager in die besetzten Ostgebiete deportiert und dort ermordet. Oft wurde dies auch zur Tarnung als "Evakuierung" bezeichnet. und Ermordung. Bis auf Adolfs Bruder Ernst: Er war bei der Flucht aus einem Zwangslager umgekommen. Aus dem weitläufigeren Familienkreis wurden 27 Männer, Frauen und Kinder Opfer des nationalsozialistischen Völkermords.

Weiterleben – für eine Zukunft mit Respekt

„Ich hoffe nur, dass die junge deutsche Generation sich
von dem Unrecht, das an Sinti und Roma begangen und nach 1945
vom Staat und vor allem von den zwei großen
christlichen Kirchen Deutschlands ignoriert wurde,
distanziert und somit einen Wegweiser der Menschlichkeit
für eine gemeinsame Zukunft aufstellt.“

Nachdem Adolf Heilig 1947 in Landshut (Bayern) bei der amerikanischen Kommandantur eine Prüfung als Schauspieler abgelegt und die Spielerlizenz bekommen hatte, baute er zusammen mit seinen Eltern und Geschwistern einen neuen Theaterbetrieb auf.

Nun allerdings nicht mehr mit Marionetten, sondern mit Schauspielern. Es entstand ein kleines Familienunternehmen, dass bis Ende der 1980er Jahre an zahlreichen Orten in der Bundesrepublik und in den angrenzenden deutschsprachigen Ländern auftrat und vielen Menschen unterhaltsame Abende schenkte.

Adolf Heilig (rechts), seine Frau Sonja (vor ihm sitzend) und deren Familienangehörige, Anfang der 1950er Jahre
Adolf Heilig (rechts), seine Frau Sonja (vor ihm sitzend) und deren Familienangehörige, Anfang der 1950er Jahre bei Weiden/Oberpfalz (Foto: Archiv DokuZ)
Adolf Heilig mit seinen Geschwistern im Jahr 2009
Adolf Heilig mit seinen Geschwistern im Jahr 2009. Hinten v.l.n.r.: Adolf, Richard, Klara und Anna. Vorne v.l.n.r.: Max, Adalbert und Hermann (Foto: Archiv DokuZ)

1954 heiratete Adolf Heilig seine Frau Sonja, mit der er zwei Kinder hatte. Die anhaltende Diskriminierung der Sinti und Roma führte ihn schließlich zu seinem Engagement im Zentralrat Deutscher Sinti und Roma. Als Vorstandsmitglied hatte er jahrzehntelang wesentlichen Anteil an dessen erfolgreicher Arbeit in Gesellschaft und Politik.

Adolf Heilig hielt unzählige Vorträge und Zeitzeugengespräche in Deutschland, Europa, Israel und den USA. Seinem Engagement für die Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma blieb er bis ins hohe Alter tief verbunden. „Schwarzer“, Adolf Heilig, starb am 11. August 2016. Im Jahr darauf erschienen seine Erinnerungen in Buchform.

Treffen einer Delegation des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten
Treffen einer Delegation des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann in Stuttgart, v.l.n.r.: Vorstandmitglied Dr. Silvio Peritore, Zentralratsvorsitzender Romani Rose, Vorstandsmitglied Adolf Heilig, Ministerpräsident Kretschmann sowie Vorstandsmitglied Jaques Delfeld am 10. Mai 2012 (Foto: Archiv DokuZ)
Adolf Heilig an seinem wichtigsten Arbeitsmittel im Heidelberger Büro
Adolf Heilig an seinem wichtigsten Arbeitsmittel im Heidelberger Büro: der elektrischen Schreibmaschine, auf der er unzählige Schriftstücke für die Bürgerrechtsarbeit der deutschen Sinti und Roma verfasste im September 2015 (Foto: Archiv DokuZ)

Quellenangaben

Adolf Heilig: "Zwischen Verfolgung und Überleben". Jugendjahre eines deutschen Sinto, bearbeitet von Andreas Pflock, Heidelberg 2017.

Abbildungen (soweit nicht anders angegeben): Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg