Judendurchgangslager Westerbork

Deportation von Sinti und Roma aus den Niederlanden nach Auschwitz
  • Bau des "Zentralen Flüchtlingslagers" (Foto: HC Kamp Westerbork)
  • Blick auf die Lagerbaracken und das Bahngleis (Foto: NIOD 66367)
  • Plan des Lagers vom Juli 1944 (Foto: Wikimedia Commons)
  • Luftaufnahme des Lagers vom 22. März 1945 (Foto: Wikimedia Commons)
  • Deportation aus dem Lager (Foto: NIOD 66088)
  • Denkmal Lager Westerbork von Ralph Prins (Foto: Andreas Pflock)

Kurzinformation

Deportation von Sinti und Roma aus den Niederlanden nach Auschwitz

Geschichte des Lagers

Im Jahr 1939 beschloss die niederländische Regierung den Bau eines Aufnahmelagers für jüdische Geflüchtete aus dem Deutschen Reich. Es wurde auf einem abgelegenen Heideareal rund 7 Kilometer nördlich des Dorfes Westerbork in der Provinz Drenthe errichtet. Am 9. Oktober 1939 traf in diesem "Zentralen Flüchtlingslager" eine erste Gruppe mit 22 deutschen jüdischen Flüchtlingen ein. Am 10. Mai 1940, dem Tag des deutschen Überfalls auf die Niederlande, befanden sich dort rund 700 Menschen. Nach dem Einmarsch der WehrmachtWehrmacht Die Armee des nationalsozialistischen Deutschlands wurde seit 1935 als "Wehrmacht" bezeichnet. Mit der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht erfolgte ab 1935 der rasche Ausbau der Wehrmacht, in die neben dem Heer auch die Marine und die Luftwaffe eingegliedert waren. Oberster Befehlshaber der Wehrmacht war Hitler, die Befehls- und Kommandogewalt hatte der Reichskriegsminister. in die Niederlande fiel Ende 1941 die Entscheidung, das Lager Westerbork als zentrales Sammellager für die bevorstehende DeportationDeportation Bezeichnung für die zwangsweise Um- oder Aussiedlung von Menschen aus ihren Wohngebieten, zum Teil unter Androhung und Anwendung von Gewalt. Während der NS-Zeit wurden ganze Bevölkerungsgruppen wie Juden oder Sinti und Roma zunächst aus dem Deutschen Reich, dann auch aus dem übrigen Europa, in Sammellager, Gettos und Konzentrations- oder Vernichtungslager in die besetzten Ostgebiete deportiert und dort ermordet. Oft wurde dies auch zur Tarnung als "Evakuierung" bezeichnet. der niederländischen Juden zu nutzen. In Folge dieser Planungen wurde das Lager am 1. Juli 1942 dem Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SicherheitsdienstesBefehlshaber der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (kurz: BdS) waren vom Reichssicherheitshauptamt (RSHA) in von den Nationalsozialisten besetzten Gebieten eingesetzte Leiter einer Art RSHA-Außenstelle. (BdSBefehlshaber der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (kurz: BdS) waren vom Reichssicherheitshauptamt (RSHA) in von den Nationalsozialisten besetzten Gebieten eingesetzte Leiter einer Art RSHA-Außenstelle.) unterstellt und formal in ein "Polizeiliches Judendurchgangslager" umgewandelt.

Unter der Leitung des Lagerkommandanten und SSSchutzstaffel Die Schutzstaffel (kurz: SS) war 1925 als persönliche Leibwache Hitlers gegründet worden. Unter Heinrich Himmler wurde die SS zu einer Eliteeinheit aufgebaut, die zum zentralen Instrument des staatlichen Terrors wurde. Die SS hatte im Rahmen der „Endlösung“ maßgeblichen Anteil am Völkermord an den europäischen Juden sowie den Sinti und Roma.-Obersturmführers Albert Konrad Gemmeker entwickelte sich das Lager zu einem zentralen Knotenpunkt. Der erste Deportationszug mit jüdischen Männern, Frauen und Kindern verließ Westerbork am 15. Juli 1942. Das Ziel war Auschwitz. Zwei Jahre lang trafen die Deportationszüge nach einem festen Fahrplan oftmals montags im Lager ein, um am Dienstagmorgen mit neuen Opfern wieder in Richtung "Osten" abzufahren. Insgesamt verließen vom 15. Juli 1942 bis zum 13. September 1944 rund einhundert Transporte das Lager.  107.000 Juden und eine Gruppe von 245 Sinti und Roma wurden nach Auschwitz, Sobibor, Bergen-Belsen und Theresienstadt deportiert - darunter u.a. auch Anne Frank und Edith Stein. Am 13. September 1944 verließ der letzte Zug mit 279 Menschen das Lager in Richtung Bergen-Belsen. Nach dem Ende der Transporte blieben in Westerbork noch rund 500 jüdische Gefangene zurück. Am 12. April erreichten kanadische Soldaten das Lagertor und befreiten die Häftlinge.

Sinti und Roma im Lager Westerbork

Nachdem die NS-Besatzer in den Niederlanden 1943 das Reisen in Wohnwagen verboten und die Einrichtung von Sammellagern für Sinti und Roma angeordnet hatten, wurde am 16. Mai 1944 eine landesweite Razzia durchgeführt. Die dabei verhafteten 578 Personen wurden in das Judendurchgangslager Westerbork gebracht. Dort wurden die Verhafteten in zwei Gruppen aufgeteilt: 279 von ihnen stufte man als „arische Asoziale” (sogenannte Wohnwagenbewohner) ein und 299 als „tatsächliche Zigeuner”. Unter Letzteren befanden sich 54 Personen, die aufgrund einer schweizerischen, italienischen bzw. guatemaltekischen Nationalität zusammen mit den „Wohnwagenbewohnern” aus dem Lager entlassen wurden.

Die verbliebenen 235 Sinti und Roma mussten in einer Baracke des Lagers auf ihre Deportation warten. Im Unterschied zu den meisten der in Westerbork eingelieferten jüdischen Gefangenen waren sie nach ihrer Registrierung kahlgeschoren worden. Die Sinti und Roma verblieben nur kurz Zeit im Lager. Am 19. Mai mussten die Männer, Frauen und Kinder in die Viehwaggons des Deportationszugs nach Auschwitz steigen: 40 Familien mit 214 Personen, darunter 110 Kinder, und 31 Alleinstehende.

Der Transport traf am 21. Mai in Auschwitz-Birkenau ein. Bis Anfang August 1944 wurden 72 Männer als „Arbeitsfähige“ in das KonzentrationslagerKonzentrationslager Konzentrationslager (kurz: KZ oder KL) waren das wichtigste Instrument der NS-Terrorherrschaft. Erste Lager entstanden schon im März 1933, kurz nach der Machtübernahme der NSDAP, anfangs noch in u.a. leeren Fabrikgebäuden, ehemaligen Gefängnissen und Kellergewölben. Bis Kriegsbeginn wurden sieben Konzentrationslager errichtet, bis Ende des Krieges waren es 22 Hauptlager mit weit über 1.000 Außenlagern und Außenkommandos. Alle, die von den Nationalsozialisten zu weltanschaulichen, religiösen und „rassischen“ Gegnerinnen und Gegnern erklärt worden waren, sollten dort inhaftiert werden. Darunter befanden sich vor allem Juden, Sinti, Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Kommunisten, Sozialisten und andere politische Gegner. Mit Kriegsbeginn verschärften sich die Haftbedingungen weiter und die Ermordung der Gefangenen wurde zur Selbstverständlichkeit. Die Arbeitskraft der Häftlinge sollte bis zur völligen Erschöpfung oder bis zum Tod für die Kriegswirtschaft ausgenutzt werden. Die SS bezeichnete dies als "Vernichtung durch Arbeit". Buchenwald und 35 Frauen in das Konzentrationslager Ravensbrück gebracht. Die Zurückgebliebenen starben in Auschwitz oder wurden bei der „Auflösung“ des „Zigeunerlagers“ am 2. August 1944 in den Gaskammern ermordet. Nur 30 Überlebende (16 Männer und 14 Frauen) kehrten nach dem Kriegsende in die Niederlande zurück.

Quellenangaben

Literatur
Lucassen, Leo: "En men noemde hen Zigeuners". De geschiedenis van Kaldarasch, Ursari, Lowara en Sinti in Nederland (1750–1944), Amsterdam/’s-Gravenhage, 1990.
Pflock, Andreas: Am anderen Ende der Rampe von Auschwitz - Polizeiliches Durchgangslager Westerbork, in Ders.: Auf vergessenen Spuren. Ein Wegweiser zu Gedenkstätten in den Niederlanden, Belgien und Luxemburg, Bonn 2006.
Schütz, Raymond: Het dossier van het 'zigeunertransport', 19 mei 1944, in: Luijters, Guus/Schütz, Raymond/Jongman, Marten: De deportaties uit Nederland 1940-1945. Portretten uit de archieven, Amsterdam 2017, S. 189-198.
Schwarz, Fred: Züge auf falschem Gleis, Wien 1998.
Sijes, B. A.: Vervolging van Zigeuners in Nederland 1940–1945, ’s-Gravenhage, 1979.
Wagenaar, Aad: Settela. Het meisje heeft haar naam terug, Hilversum 2007.

Internet
Geschichte des Lagers auf der Internetseite der Gedenkstätte
Deportationsliste in den Arolsen Archives

Abbildungen
Archiv Herinneringscentrum (HC) Kamp Westerbork: Bildnummer 146226
Commons Wikimedia:
Lageplan https://w.wiki/Aub
Luftaufnahme https://w.wiki/Aup
Nederlands Instituut voor Oorlogs-, Holocaust- en Genocidestudies (NIOD): Bildnummern 66088 und 66367

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