Berlin, Parkfriedhof Marzahn

Gedenkensemble für die im Zwangslager Berlin-Marzahn inhaftierten Sinti und Roma
  • (Foto: Andreas Pflock)
  • Einweihung des Gedenksteins am 12. September 1986 (Foto: Archiv DokuZ, Nachlass Gilsenbach)
  • Die im Jahr 1990 ergänzte Marmortafel (Foto: Archiv DokuZ)
  • Das Gedenkensemble auf dem Parkfriedhof (Foto: Oliver von Mengersen)

Kurzinformation

Gedenkensemble für die im Zwangslager Berlin-Marzahn inhaftierten Sinti und Roma

Beschreibung

Der Parkfriedhof Marzahn ist mit seiner Fläche von rund 235.000 Quadratmetern die größte Friedhofsanlage im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Auf dem Friedhof befinden sich verschiedene Erinnerungszeichen, wie u. a. ein sowjetisches Ehrenmal mit Soldatenfriedhof, ein Gedenkstein für die Opfer des Nationalsozialismus und ein Denkmal für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter.

Das Gedenkensemble für die Sinti und Roma befindet sich (vom Haupteingang am Wiesenburger Weg aus gesehen) im hinteren, nördlichen Teil, auf der rechten Seite des Hauptwegs. Vom Nebeneingang am Don-Bosco-Zentrum/Otto-Rosenberg-Platz, unweit der S-Bahn-Haltestelle „Raoul-Wallenberg-Straße“, ist der Gedenkort auf kürzerem Weg erreichbar.

Das Ensemble besteht aus drei Elementen: einem Findling mit Inschrift, der durch eine Marmor- und eine Kupfertafel ergänzt wird. Der grob bearbeitete Findling wurde als erstes Element 1986 eingeweiht und trägt die Inschrift: „Vom Mai 1936 bis zur Befreiung unseres Volkes durch die ruhmreiche Sowjetarmee litten in einem ZwangslagerZwangslager Nationalsozialistische Zwangslager für Sinti und Roma (häufig auch als „Zigeunerlager“ bezeichnet) entstanden ab Mitte der 1930er Jahre in zahlreichen deutschen Großstädten, wie u.a. in Köln, Düsseldorf, Fulda, Hamburg, Hannover, Köln und Magdeburg. Ihre Planung, Errichtung und ihr Betrieb gingen auf Initiativen kommunaler Behörden zurück. Die Lager waren meist polizeilich bewacht und dienten der Konzentration und Erfassung von Sinti und Roma, ihrer Rekrutierung als Zwangsarbeitskräfte sowie der Trennung der Insassen von der sogenannten "Volksgemeinschaft". Mit der zunehmenden Radikalisierung der Verfolgungsmaßnahmen dienten die Zwangslager letztendlich als Sammellager für die Deportationen in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. unweit dieser Stätte hunderte Angehörige der Sinti. Ehre den Opfern.“

Davor befindet sich eine ca. 0,6 x 0,45 Meter große Marmortafel mit der Inschrift: „Den Berliner Sinti, die im Zigeunerlager Marzahn litten und in Auschwitz starben. Mai 1936 – Mai 1945, Atschen Devleha [Romanes: Bleib mit Gott].“

Links daneben Findling informiert eine Kupfertafel im Maß von ca. 0,8 x 0,7 Meter mit folgender Inschrift über die historischen Hintergründe: „Auf einem ehemaligen Rieselfeld nördlich dieses Friedhofs richteten die Nazis im Vorfeld der Olympischen Spiele 1936 einen ‚Zigeunerrastplatz‘ ein, auf dem Hunderte Sinti und Roma gezwungen wurden zu leben. Zusammengepfercht in düstere Baracken, fristeten die Lagerbewohner ein elendes Dasein. Harte Arbeit, Krankheit und Hunger forderten ihre Opfer. Willkürlich wurden Menschen verschleppt und verhaftet. Demütigende ‚rassenhygienische Untersuchungen‘ verbreiteten Angst und Schrecken. Im Frühjahr 1943 wurden die meisten der ‚Festgesetzten‘ nach Auschwitz deportiert. Männer und Frauen, Greise und Kinder. Nur wenige überlebten.“

Entstehung

Die erste Initiative für einen Ort des Gedenkens an die im Lager Marzahn inhaftierten und von dort nach Auschwitz deportierten Sinti und Roma ging vom DDR-Bürgerrechtler und Schriftsteller Reimar Gilsenbach und dem evangelischen Pfarrer in Marzahn, Bruno Schottstädt, aus. Beide pflegten dazu bereits in den 1980er Jahren einen Briefwechsel. Reimar Gilsenbach war zudem mit verschiedenen Überlebenden gut bekannt und unterstützte sie bei der Anerkennung von Entschädigungsansprüchen. Bereits 1976 hatte er einen Bericht über das Zwangslager Marzahn verfasst, in dem er u. a. die Anerkennung ehemaliger Insassen als „rassisch Verfolgte“ forderte.

Am 8. März 1985 wandte sich Gilsenbach schließlich mit einer fünfseitigen Eingabe persönlich an Erich Honecker, den 1. Sekretär des Zentralkomitees der SED. Sein Schreiben enthielt Erläuterungen über Herkunft, Geschichte, Selbstbezeichnung und Sprache der Sinti und Roma. Zur Auseinandersetzung mit dem NS-VölkermordVölkermord Bezeichnung für die vorsätzliche Ermordung, Ausrottung oder anderweitige Vernichtung von Volksgruppen aufgrund ihrer vermeintlich rassischen, ethnischen oder sozialen Merkmale, ihrer Nationalität oder religiösen Überzeugungen. 1948 verabschiedeten die Vereinten Nationen einen völkerrechtlichen Vertrag über die Verhütung und die Bestrafung von Völkermorden. an der Minderheit schrieb Gilsenbach: „In den Nationalen Gedenkstätten der DDR, die am Ort ehemaliger KonzentrationslagerKonzentrationslager Konzentrationslager (kurz: KZ oder KL) waren das wichtigste Instrument der NS-Terrorherrschaft. Erste Lager entstanden schon im März 1933, kurz nach der Machtübernahme der NSDAP, anfangs noch in u.a. leeren Fabrikgebäuden, ehemaligen Gefängnissen und Kellergewölben. Bis Kriegsbeginn wurden sieben Konzentrationslager errichtet, bis Ende des Krieges waren es 22 Hauptlager mit weit über 1.000 Außenlagern und Außenkommandos. Alle, die von den Nationalsozialisten zu weltanschaulichen, religiösen und „rassischen“ Gegnerinnen und Gegnern erklärt worden waren, sollten dort inhaftiert werden. Darunter befanden sich vor allem Juden, Sinti, Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Kommunisten, Sozialisten und andere politische Gegner. Mit Kriegsbeginn verschärften sich die Haftbedingungen weiter und die Ermordung der Gefangenen wurde zur Selbstverständlichkeit. Die Arbeitskraft der Häftlinge sollte bis zur völligen Erschöpfung oder bis zum Tod für die Kriegswirtschaft ausgenutzt werden. Die SS bezeichnete dies als "Vernichtung durch Arbeit". errichtet worden sind, wird der Sinti nicht als einer besonderen Gruppe von Verfolgten gedacht. […] Auf dem Gebiet der DDR hat es mehrere besondere Zwangslager für ‚Zigeuner‘ gegeben, die beiden größten in Berlin-Marzahn und in Magdeburg. Meine Bemühungen, wenigstens an den Stellen dieser beiden großen Zwangslager eine Gedenktafel anbringen oder eine kleine Gedenkstätte schaffen zu lassen, laufen seit zehn bzw. seit vier Jahren ins Leere.“ Abschließend forderte er, dass „Partei und Staat den wenigen Sinti, die heute Bürger der DDR sind und so viel Schlimmes erlitten haben, ein wenig Verständnis, Duldung und Förderung, vor allem aber Gerechtigkeit gewähren.“

Während der Vorsitzende der Geschichtskommission des Komitees der Antifaschistischen Widerstandskämpfer der DDR, Ernst Kehler, am 17. April 1985 auf einen Brief Gilsenbachs  vom Dezember 1985 noch lapidar mitteilte, dass „in den Nationalen Mahn- und Gedenkstätten der DDR das Andenken aller im Kampf gegen den Faschismus gefallenen Widerstandskämpfer und der anderen Opfer des Faschismus, ohne Unterschied der politischen Ansichten, der WeltanschauungIdeologie Ideologie stammt vom griechischen Wort „ideologia“ und bedeutet auf Deutsch „Ideenlehre“. Mit Ideologie bezeichnet man bestimmte politische Ideen (z.B. Sozialismus, Marxismus, Kommunismus, Konservatismus oder Liberalismus). Ideologien sind nicht richtig oder falsch, sondern spiegeln bestimmte Wertvorstellungen wider. Wer eine Ideologie vertritt, zeigt, dass sie oder er mit den Vorstellungen, mit den Werten dieser Idee einverstanden ist und diese auch in der Politik umsetzen möchte. Gefährlich werden Ideologien dann, wenn nur mehr eine einzige erlaubt ist und alle Menschen, die andere Ideologien vertreten oder sich für diese einsetzen, daran gehindert oder verfolgt werden. Dies war zum Beispiel in Diktaturen wie dem Nationalsozialismus der Fall. und der Abstammung, gewürdigt wird", zeigte Gilsenbachs Engagement auf hoher politischer Ebene Erfolg. Horst Lubos von der Abteilung Kultur des Zentral-komitees der SED teilte Gilsenbach mit, dass „die Entscheidung des ZK für […] die Errichtung von Denkmalen in Marzahn und Magdeburg positiv ausgefallen“ sei.

Ein explizites Erinnern an die Verfolgung von Sinti und Roma abseits des staatlich organisierten und koordinierten Gedenkens an die „Opfer des Faschismus“ war jedoch weiterhin unerwünscht. Als im gleichen Jahr am 2. Juni eine kirchliche Initiative am Ort des ehemaligen Zwangslagers einer Gedenkveranstaltung organisieren wollte, wurde ein entsprechender Antrag von der Volkspolizei strikt abgelehnt. Die Begründung lautete: Anlässlich des 40. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus hätten bereits zahlreiche Veranstaltungen stattgefunden und zudem lebe der initiierende Pfarrer selbst gar nicht in Berlin. Erst im darauffolgenden Jahr fand am 29. Juni 1986 eine erst große, von der evangelischen Kirche organisierte, Gedenkveranstaltung in der Nähe des ehemaligen Lagergeländes in Berlin-Marzahn statt. 

Wenige Monate später wurde am 12. September 1986 der Gedenkstein auf dem Parkfriedhof enthüllt. In Anwesenheit von 60 Teilnehmenden und des 1. Sekretärs der Kreisleitung Marzahn der SED, Peter Faltin, hielt der Vorsitzende des Kreiskomitees der Antifaschistischen Widerstandskämpfer die Ansprache. Eine öffentliche Ankündigung der Feierlichkeit war nicht erfolgt. Ebenso waren weder Gilsenbach noch Überlebende und Sinti-Familien zu dieser Veranstaltung eingeladen worden. Nicht zuletzt rief die Inschrift auf dem Gedenkstein bald kritische Anmerkungen hervor. In einem Brief an Günter Schabowski, den 1. Sekretär der SED Bezirksleitung, intervenierte Reimar Gilsenbach: „Die Inschrift erweckt den Eindruck, als hätten zwar ‚einige hundert Angehörige der Sinti‘ in dem Marzahner Zwangslager gelitten, hätten dann aber dort auch die Befreiung erlebt. In Wirklichkeit vegetierten im Marzahn-Lager bei der Befreiung nur noch zwei Dutzend Sinti, während rund 1.200 andere Insassen des Lagers nach Auschwitz und in andere Vernichtungsstätten abtransportiert worden waren, wo die weitaus meisten von ihnen ermordet worden sind. Diesen an den Sinti begangenem Völkermord verschweigt und vertuscht die Inschrift, ob bewusst oder unbewusst sei dahingestellt.“

Zwar teilte Günter Schabowski bereits am 14. Oktober 1986 mit, dass über die Hinzufügung eines Textes in der Sprache der Sinti und Roma auf dem Gedenkstein für das Lager mit dem Künstler Jürgen Raue gesprochen worden sei und es vonseiten der Bezirksleitung keine Einwände dagegen gebe. Doch erst am 16. Juni 1990 wurde die ergänzende Marmortafel eingeweiht, die auf die Leiden der Sinti und Roma im Lager Marzahn und deren DeportationDeportation Bezeichnung für die zwangsweise Um- oder Aussiedlung von Menschen aus ihren Wohngebieten, zum Teil unter Androhung und Anwendung von Gewalt. Während der NS-Zeit wurden ganze Bevölkerungsgruppen wie Juden oder Sinti und Roma zunächst aus dem Deutschen Reich, dann auch aus dem übrigen Europa, in Sammellager, Gettos und Konzentrations- oder Vernichtungslager in die besetzten Ostgebiete deportiert und dort ermordet. Oft wurde dies auch zur Tarnung als "Evakuierung" bezeichnet. nach Auschwitz hinweist. Sie entstand auf Initiative des Vorsitzenden der Cinti Union Berlin Otto Rosenberg (heute: Landesverband Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg) gemeinsam mit Reimar Gilsenbach.

1991 wurde schließlich eine weitere Gedenktafel aus Kupfer mit erläuternden historischen Informationen aufgestellt. Seit 1990 laden der Landesverband Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg und das Ökumenische Forum Berlin-Marzahn jeweils im Juni zu Gedenkfeiern auf dem Parkfriedhof ein.

Gestaltung

Der bearbeitete Findling und die Marmortafel wurden vom Bildhauer Jürgen Raue angefertigt. Er wurde am 17. November 1939 als Sohn eines Malers in Dresden geboren. Sein Vater fiel als Soldat im Zweiten Weltkrieg. Im Jahre 1953 begann Jürgen Raue eine Ausbildung zum Steinbildhauer. Vier Jahre später schloss er diese erfolgreich ab. An der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee absolvierte er ein Studium bei den Bildhauern Waldemar Grzimek und Heinrich Drake. Ab Mitte der 1960er Jahre war Jürgen Raue freischaffend tätig. Daneben war er Mitglied im Verband Bildender Künstler der DDR. 1984 wurde er mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold ausgezeichnet. Zu seinen Werken zählen u. a. die Bronzeplastiken „Befreiung“ (1969/1970, Greiz), „Sportler“ (1976, Prora) sowie „Thomas Müntzer“ (1989, Zwickau). Jürgen Raue starb am 7. Juli 2004 in Berlin.

Die Kupfertafel mit historischen Hintergrundinformationen wurde von der Firma Goetz Dorl Metallgestaltung Berlin-Weißensee geschaffen.

Quellenangaben

Archiv Dokumentations- und Kulturzentrum, Heidelberg: Sammlung Gedenkort; Nachlass Gilsenbach NG O 5 und NG O 17

Baetz, Michaela u.a.: Die Rezeption des nationalsozialistischen Völkermords an den Sinti und Roma in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR, Heidelberg 2007, S. 110ff.
Bogula, Jan: Das NS-Zwangslager für Sinti und Roma in Marzahn und seine „Aufarbeitung“ in der Nachkriegszeit, unveröffentlichte Abschlussarbeit zur Erlangung des Grades „Master of Arts“ im Studiengang Zeitgeschichte an der Universität Potsdam (Berlin 2016).
Endlich, Stefanie: Wege zur Erinnerung, Berlin 2007, S. 169.
Hoss, Christiane: Gedenktafeln in Berlin. Orte der Erinnerung an Verfolgte des Nationalsozialismus 1991-2001, Berlin 2002, S. 96.
Lexikon Künstler in der DDR. Ein Projekt der Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde e. V. Neues Leben, Berlin 2010, S. 745.
Pientka, Patricia: Das Zwangslager für Sinti und Roma in Berlin-Marzahn, Berlin 2013, S. 197ff.

https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Raue am 10.2.2020
https://www.berlin.de/ba-marzahn-hellersdorf/politik-und-verwaltung/aemter/stadtentwicklungsamt/bauaufsicht-wohnungsaufsicht-denkmalschutz/artikel.399967.php  am 10.2.2020
https://www.berlin.de/ba-marzahn-hellersdorf/politik-und-verwaltung/aemter/strassen-und-gruenflaechenamt/gruenflaechen-und-friedhoefe/artikel.313730.php am 10.2.2020
https://www.gedenktafeln-in-berlin.de/nc/gedenktafeln/gedenktafel-anzeige/tid/sinti-und-roma-1/ am 10.2.2020
https://www.kultur-marzahn-hellersdorf.de/fileadmin/user_upload/PDF/Gedenken_im_%C3%B6ff_raum/b-Binder1Flyer_Parkfriedhof.pdf am 10.2.2020

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