Pirmasens, Nardinihaus

Gedenktafel für die Sinti-Kinder Anna und Robert Reinhardt
  • Detailansicht der Gedenktafel (Foto: Nardinihaus Pirmasens)

Kurzinformation

Gedenktafel für die Sinti-Kinder Anna und Robert Reinhardt

Beschreibung

Das Nardinihaus befindet sich in der Pirmasenser Stadtmitte, nur wenige Schritte östlich vom zentralen Schlossplatz entfernt und gegenüber der katholischen Pfarrkirche St. Pirmin. Es wurde 1855 durch Pfarrer Dr. Paul Josef Nardini als sogenanntes Armenkinderhaus und Schule gegründet. Bis ins Jahr 2008 oblag die Leitung der Einrichtung den Ordensschwestern der „Armen Franziskanerinnen von der Heiligen Familie“ (heute als Mallersdorfer Schwestern bekannt). Heute trägt die Nardinihaus Pirmasens GmbH die Verantwortung für ein Angebot, das vom Betrieb von Kindertagesstätten, eines Hort und Wohngruppen bis hin zur ambulanten Hilfe für Kinder und Jugendliche reicht. Im Eingangsbereich des Nardinihauses befindet sich die 70 x 60 cm große Bronzetafel. Ihre Inschrift lautet:

„Zum Gedenken an die Sinti Kinder Anna und Robert Reinhardt
Während des Nationalsozialismus lebten sie sieben Jahre lang hier. 1943 wurden sie aus rassischen Gründen in das KonzentrationslagerKonzentrationslager Konzentrationslager (kurz: KZ oder KL) waren das wichtigste Instrument der NS-Terrorherrschaft. Erste Lager entstanden schon im März 1933, kurz nach der Machtübernahme der NSDAP, anfangs noch in u.a. leeren Fabrikgebäuden, ehemaligen Gefängnissen und Kellergewölben. Bis Kriegsbeginn wurden sieben Konzentrationslager errichtet, bis Ende des Krieges waren es 22 Hauptlager mit weit über 1.000 Außenlagern und Außenkommandos. Alle, die von den Nationalsozialisten zu weltanschaulichen, religiösen und „rassischen“ Gegnerinnen und Gegnern erklärt worden waren, sollten dort inhaftiert werden. Darunter befanden sich vor allem Juden, Sinti, Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Kommunisten, Sozialisten und andere politische Gegner. Mit Kriegsbeginn verschärften sich die Haftbedingungen weiter und die Ermordung der Gefangenen wurde zur Selbstverständlichkeit. Die Arbeitskraft der Häftlinge sollte bis zur völligen Erschöpfung oder bis zum Tod für die Kriegswirtschaft ausgenutzt werden. Die SS bezeichnete dies als "Vernichtung durch Arbeit". Auschwitz deportiert und ebenso wie ihre Eltern ermordet.“

Die Tafel erinnert an den damals 14-jährigen Robert und seine 12-jährige Schwester Anna, die seit 1936 im damaligen Waisenhaus lebten, nachdem die NS-Behörden sie von ihren Eltern getrennt hatten. Auf der Grundlage des Auschwitz-ErlassesAuschwitz-Erlass Am 16. Dezember 1942 unterzeichnete Heinrich Himmler, der Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei, den sogenannten „Auschwitz-Erlass“, der die familienweise Deportation von Sinti und Roma aus dem Deutschen Reich in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau anordnete. Wenig später ergingen entsprechende Befehle für Österreich, den Bezirk Białystok, Elsass und Lothringen, Luxemburg, Belgien sowie die Niederlande. Ab Februar 1943 wurden annähernd 23.000 Sinti und Roma nach Auschwitz-Birkenau deportiert, der größte Teil (etwa 10.000 Männer, Frauen und Kinder) stammte aus dem Reichsgebiet. wurden die beiden im Frühjahr 1943 zusammen mit ihren Eltern und weiteren Familienangehörigen nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Entstehung

Durch historische Forschungen stießen Anfang der 1990er Jahre der rheinland-pfälzische Landesverband und der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma auf die DeportationDeportation Bezeichnung für die zwangsweise Um- oder Aussiedlung von Menschen aus ihren Wohngebieten, zum Teil unter Androhung und Anwendung von Gewalt. Während der NS-Zeit wurden ganze Bevölkerungsgruppen wie Juden oder Sinti und Roma zunächst aus dem Deutschen Reich, dann auch aus dem übrigen Europa, in Sammellager, Gettos und Konzentrations- oder Vernichtungslager in die besetzten Ostgebiete deportiert und dort ermordet. Oft wurde dies auch zur Tarnung als "Evakuierung" bezeichnet. von Sinti- und Roma-Kindern aus verschiedenen kirchlichen Kinderheimen nach Auschwitz. Zu den Deportierten zählten auch Anna und Robert Reinhardt. Der Landesverband und der Zentralrat forderten die kirchliche Verantwortung bei einer Erinnerung an die Opfer. Die Wogen schlugen hoch, nachdem die Heimleitung im Mai 1994 die Verantwortung mit der Begründung von sich wies, dass die Kinder auf Befehl der NS-Behörden zu ihren Eltern zurückgeschickt werden mussten und man die Familie erst 14 Tage danach deportiert habe. Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma reagierte mit unmissverständlicher Deutlichkeit: Er hielt der Heimleitung vor, dass sie die Kinder „in Kenntnis der planmäßigen Vernichtung zu den Nazi-Dienststellen geschickt“ und damit „zur Ermordung ausgeliefert“ habe und spitzte dies im Vorwurf unterlassener Hilfeleistung seitens der Kirche weiter zu.

Am 2. August 1994 legte der Vorsitzende des Landesverbands, Jacques Delfeld, demonstrativ einen Kranz im Gedenken an die beiden ermordeten Kinder am Nardinihaus nieder. Bei einer Gedenkzeremonie forderte er die Heimleitung auf, eine Gedenktafel für die beiden Kinder am Haus anzubringen. Diese wurde nun seitens der Verantwortlichen mit der Begründung abgelehnt, dass bisher auch keine Gedenktafel für die bei einer Bombardierung im Jahr 1945 gestorbenen Ordensschwestern und Heimbewohner angebracht worden sei. Das Fehlen des einen Erinnerungszeichens diente der Ablehnung eines anderen. Die mangelnde Differenzierung zwischen Kriegsopfern und Opfern von NS-Verbrechen im Gedenken an die „Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ entsprach dabei dem erinnerungskulturellen Zeitgeist.

Zwischen der ablehnenden Haltung der Heimleitung und der Forderung des Landesverbands wurde auch von höheren kirchlichen Stellen kein Versuch unternommen, durch Vermittlung einen Konsens zu erreichen. Der zuständige Bischof Anton Schlembach (Bistum Speyer) ließ im September 1996 verlauten, dass das Nardinihauses eigenverantwortlich handle und die Diözese daher nicht zuständig sei. Erst im Jahr 2000 konnte das ungebrochene Engagement des Landesverbands erneut Bewegung in den Auseinandersetzungsprozess bringen. In einem Schreiben an den Stiftungsrat des Nardinihauses kündigte der Vorsitzende des Landesverbands am 14. November an: „Mein bereits 1994 vorgebrachtes Anliegen einer Gedenktafel für die Kinder Anna und Robert Reinhardt möchte ich erneut einbringen. Nach dem Beschluss des gesamten Vorstandes des Verbandes, dem auch Herr Richard Reinhard, ein Verwandter der beiden Kinder, angehört, werde ich dem Nardinihaus im Beisein der örtlichen Presse eine Gedenktafel überreichen.“ Die für den 19. Dezember vorgeschlagene Übergabe wurde schließlich Ende November von kirchlicher Seite „akzeptiert“.

Um den Prozess der öffentlichen Auseinandersetzung in Pirmasens anzuregen, organisierte der Landesverband am 14. Dezember zudem eine öffentliche Informationsveranstaltung zum Thema „Kirche und Nationalsozialismus“. Der Journalist und Autor Ernst Klee referierte über die Mitwirkung und Unterstützung der Kirchen in der Zeit des Nationalsozialismus sowie über deren organisierte Fluchthilfe für Täter nach dem Kriegsende. Jacques Delfeld schlug im Anschluss den inhaltlichen Bogen zur besonderen Verfolgungssituation von Sinti- und Roma-Kindern in katholischen Kinderheimen, ihre von dort aus vollzogene Deportation nach Auschwitz sowie zu den Geschehnissen im Pirmasenser Nardinihaus. In Anwesenheit zahlreicher Gäste betonte der Pirmasenser Oberbürgermeister Joseph Krekeler die Bedeutung der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und die Notwendigkeit der Erinnerung.

Die Veranstaltung ebnete schließlich den Weg für den weiteren öffentlichen Diskurs, sodass Jacques Delfeld bei der Übergabe der aus Mitteln des Verbands finanzierten Tafel am 19. Dezember den Wunsch äußerte, sie im folgenden Jahr in feierlichem Rahmen einweihen zu können. Am 31. Mai 2001 teilte der Vorstand des Nardinihauses dem Landesverband mit, dass die übergebene Gedenktafel zusammen mit einer Gedenktafel für die Opfer der Bombardierung vom 15. März 1945 am 21. Juni 2001 im Eingangsbereich des Nardinihauses einen „ehrenden und ständigen Platz“ erhalten werde. Ein Programm war nicht vorgesehen, da die Anbringung selbst keine größere Veranstaltung werden sollte.

Bei seiner Ansprache, die er in Gegenwart des Überlebenden Richard Reinhard hielt, betonte Jacques Delfeld: „Es geht uns nicht darum neue Anklagen zu erheben, sondern darum das Gedenken an die Kinder und an die Geschehnisse während des Nationalsozialismus wach zu halten. Das Gedenken an die schuldlosen Kinder, die allein aus rassischen Gründen von den Nationalsozialisten ermordet wurden, ist gerade in der heutigen Zeit wichtig, in der rechtsextremistische Übergriffe fast schon an der Tagesordnung sind. Mit Demut und mit all meinem Glauben gedenke ich auch der Menschen, die durch die Bombardierungen am 15. März 1945 in Pirmasens ums Leben kamen […]. Ich komme jedoch nicht umhin darauf hinzuweisen, dass die Bombardierung die Folge war von der teilweise jahrzehntelangen Überzeugung, Deutschland und den Deutschen stünde die Weltherrschaft zu und den daraus resultierenden Kriegshandlungen der Nationalsozialisten. Schon lange vor den zielgerichteten Kriegshandlungen wurden ebenso zielgerichtet Menschen aufgrund ihrer Religion und ihrer Volkszugehörigkeit ermordet. Diese Verfolgung und diese Morde hatten und haben nichts mit dem Krieg zu tun.“

Unterschiedliche Aktivitäten bezeugen seitdem die fortbestehende Auseinandersetzung mit der Verfolgung der Sinti und Roma in Pirmasens. Im Mai 2005 zeigte die Stadt die Ausstellung „Die Überlebenden sind die Ausnahme“ im Carolinensaal, einem städtischen Veranstaltungsort auf dem Alten Friedhof, und ermöglichte den Bürger*innen, sich über die historischen Hintergründe der Verfolgung der Sinti und Roma – insbesondere in der Pfalz – zu informieren. Anlässlich des Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus standen am 22. Januar 2015 die Verfolgung der Sinti und Roma und das Schicksal der beiden Kinder im Mittelpunkt einer gemeinsamen öffentlichen Veranstaltung des Landesverbands, der Stadt und des Arbeitskreises Geschichte der Juden in Pirmasens. Rund 250 Schüler*innen der Stadt beschäftigten sich zudem mit der Verfolgungsgeschichte von Anna und Robert Reinhardt.

Im Mai 2018 wurde in unmittelbarer Nähe des Nardinihauses eine weitere Erinnerungstafel im Rahmen des städtischen dezentralen Gedenkprojekts eingeweiht. Aus diesem Anlass veranstaltete der Landesverband gemeinsam mit dem Arbeitskreis Geschichte der Juden in Pirmasens und unterstützt durch die Stadt Pirmasens am 19. Mai 2018 im Forum Alte Post ein „Gipsy Swing“-Benefizkonzert mit Jermaine Reinhardt, Djano Reinhard und Freunden. Der Erlös ging an die Mallersdorfer Schwestern zur Unterstützung ihrer Arbeit mit Roma-Kindern in Rumänien.

Gestaltung

Die Anfertigung der Gedenktafel erfolgte durch die Firma Glocken- und Kunstgießerei Rincker im hessischen Sinn.

Quellenangaben

Archiv Dokumentations- und Kulturzentrum, Heidelberg: Sammlung Gedenkorte
Archiv des Verbands Deutscher Sinti & Roma – Landesverband Rheinland-Pfalz, Landau

Delfeld, Jacques (Hrsg.): 20 Jahre für Bürgerrechte, Verband Deutscher Sinti und Roma – Landesverband Rheinland-Pfalz, Mannheim 2005.

Die Rheinpfalz 4.5.1994: Pfarrer: Sinti-Kinder ihren Eltern übergeben
Die Rheinpfalz 5.5.1994: Rose: Kinder wissentlich zur Ermordung ausgeliefert

https://www.pirmasens.de/leben-in-ps/kultur/gedenkprojekt/dezentrale-gedenkorte/klosterstrasse-1a/ am 26.02.2021

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