Herbert „Ricky“ Adler

„Warum soll ich Angst haben? Ich komme aus einer ganz normalen Familie.“
  • Herbert Adler im ehemaligen KZ Sachsenhausen, Dezember 2003 (Foto: Archiv DokuZ)
  • Herbert Adler mit seiner Schwester Wanda, 1990er Jahre (Foto: Archiv DokuZ)
  • Herbert Adler gemeinsam mit den Überlebenden Wilhelm und Laura Spindler und Romani Rose in Bonn, 1993 (Foto: Archiv DokuZ)

Kurzinformation

„Warum soll ich Angst haben? Ich komme aus einer ganz normalen Familie.“

„Hätte damals mich, den zehnjährigen Bub, einer gefragt: ‚Hast du Angst?‘, dann hätt‘ ich ihn groß angeschaut und gefragt: ‚Warum? Warum soll ich Angst haben? Ich komme doch aus einer ganz normalen Familie.‘ Ich fühlte mich in der Löhergaß-Clique als ein echter Frankfurter Bub. Wir spielten viel Fußball, meist auf den Mainwasen. Wie trügerisch diese Normalität in Wirklichkeit war, sollten die folgenden Jahre zeigen. Die Wellen des Hasses rollten ja längst auf mich und meine Familie zu.“ (Adler 1993, S. 4)

Kindheit

Als viertes von sieben Kindern der Sinti Reinhold und Margarethe Adler wurde Herbert, genannt “Ricky“, am 18. November 1928 in Dortmund geboren. Er hatte zwei ältere Schwestern (Wanda und Giesela), zwei jüngere Schwestern (Gertrud und Ursula), einen älteren Bruder (Heinz) und einen jüngeren Bruder mit Namen Rolf. Die Familie wohnte Am Römerschütt 1 im Stadtteil Eving.

Bereits in Dortmund besuchte Herbert Adler für einige Jahre die Schule, bis die Familie 1938 nach Frankfurt am Main zog. Sein Vater, der bei der Reichspost arbeitete, hatte dort eine neue Stelle erhalten. Die Familie wohnte in einer 5-Zimmer Wohnung in der Löhergasse 21 (heute: Löherstraße) im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen. Dort erlebte Herbert Adler eine unbeschwerte Kindheit. Gemeinsam mit seinem Bruder Heinz und den Schwestern Wanda und Gisela besuchte er die Frankensteiner-Schule, wo er von rassistischen Diskriminierungen verschont blieb.

InternierungslagerInternierungslager Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs wurden in den besetzten Staaten, z.B. in Frankreich, Internierungslager errichtet. Sinti und Roma wie auch die jüdische Bevölkerung wurden dorthin gebracht, um sie von der übrigen Bevölkerung zu isolieren. Die Lager mit menschenunwürdigen Lebensbedingungen wurden häufig zu Durchgangsstationen bei den Deportationen in Konzentrations- und Vernichtungslager. Frankfurt Dieselstraße

Seine Kindheit endete im Februar 1941: Herbert Adler und sein Bruder wurden von der Gestapo aus der Schule geholt. Sein Lehrer sagte noch zur Beruhigung: „Geh nur mit, morgen bist du wieder bei uns.“ Die beiden Jungen wurden zur Löhergasse gebracht, wo in der Wohnung schon die anderen Geschwister und die Eltern warteten. Der Familie wurde befohlen, die nötigsten Dinge einzupacken und die Wohnung zu räumen. Die Möbel, die wertvollen Musikinstrumente des Vaters, den Schmuck der Mutter und noch viel mehr von ihrem Besitz blieben zurück in der Wohnung. Anschließend mussten die Eltern und Kinder auf einen LKW steigen. Wohin sie fuhren, wurde ihnen nicht mitgeteilt: zum Zwangs- und Internierungslager für Sinti und Roma in der Frankfurter Dieselstraße.

„Die haben uns dann ins Auto verfrachtet und in die Löhergaß gefahren. Dort angekommen, waren meine zwei Schwestern schon da, von der Schule abgeholt worden, und mein Vater, von der Post. Und die sagten zu meinen Eltern: ‚Also, sie können heute das und das mitnehmen, alles andere wird Ihnen gebracht.‘ Da hat meine Mutter gesagt: ‚Ich muss doch wenigstens die Kleider von meinen Kindern und die Kleider von meinem Mann und meine Kleider mitnehmen.‘ – ‚Ja ja, das können Sie ruhig einpacken.‘ Da kamen dann zwei SASturmabteilung Die „Sturmabteilung“ (kurz: SA) war eine 1921 gegründete, aus Freiwilligen gebildete, militärisch organisierte und uniformierte Kampf- und Schutztruppe der NSDAP. Die SA wurde insbesondere bei der Terrorisierung und Verfolgung politischer Gegner sowie zur Durchführung von Terroraktionen gegen Juden eingesetzt.-Leute mit Kartons, die haben meiner Mutter und meinen zwei Schwestern geholfen, die Sachen reinzutun. […] Wir haben das praktisch alles in den Karton hineingetan, und meine Mutter hatte eine alte Zinkwanne, da konnte sie das Essbesteck, Kaffeeservice und was so war, reintun. Und da sind wir heruntergeführt worden, da stand ein Lastwagen.“ (Adler 2002, S. 32f.)

Im Internierungslager in der Dieselstraße wurde die Familie Adler von zwei Polizei-Hauptwachmeistern registriert. Anschließend wurde den neun Familienmitgliedern ein alter Bauwagen als „Unterkunft“ zugewiesen. Dieser war ca. sechs Meter lang und zwei Meter breit und nur mit einem Tisch, drei Stühlen und einem kleinen Ofen ausgestattet. Ohne elektrischem Licht und fließendem Wasser und mit unzureichenden und primitiven sanitären Einrichtungen musste die Familie dort, eingesperrt hinter einem doppelten Stacheldrahtzaun, die nächsten Monate überstehen. Von dem in der Wohnung zurückgelassenen Eigentum sahen sie nie etwas wieder: Teil der NS-Verfolgungspraxis war es, die verschleppten Sinti, Roma und Juden systematisch ihrer Eigentümer zu berauben. Die Lagerordnung in der Dieselstraße reglementierte das Leben der Insassen streng. Appelle, Befehle und Ausgehverbote prägten den Alltag.

Internierungslager Frankfurt Kruppstraße

„Es war so ungefähr 19 Uhr, 19.30 Uhr, ich müsste Sie jetzt belügen, wie spät das war, als mein Vater zurückkam und wir haben gleich gefragt: ‚Papa, was macht der Rolf, was macht der Rolf?‘ Er konnte kein Wort sagen. Mein Vater war ungefähr 1,96 groß, hat ungefähr zwei Zentner gehabt, pechschwarze Haare. Als er zurückkam zu uns, war er um zehn Jahre älter geworden, man hat richtig gesehen, dass er in sich zusammengebrochen ist. Er konnte erst nicht sprechen. […]
Na, es hat dann gedauert, ein paar Minuten, da hat er uns gesagt: ‚Ja, Rolf ist jetzt im Himmel.‘ Und da wir ja katholisch erzogen sind, glauben wir ja an Gott. Wir alle. Und da haben wir gesagt: ‚Hat er dann wenigstens noch beten können?‘ Und da hat er gesagt: ‚Na ja, er konnte, aber man hat ihn so schlecht verstehen können, der Arzt hat sich über ihn gebeugt und ich auch und da konnte er nur ein paar Wörter sagen: ,Müde bin ich, geh zur Ruh, und schließe meine Augen zu.‘ Und so ist er eingeschlafen. Und das war der erste Mensch, den ich verloren hatte.“

(Adler 2002, S. 35)

Gelände des ehemaligen Internierungslagers in der Dieselstraße, ca. 1992/93 (Foto: Studienkreis Dt. Widerstand)
Gelände des ehemaligen Internierungslagers in der Dieselstraße, ca. 1992/93 (Foto: Studienkreis Dt. Widerstand)

Im Oktober 1942 wurde das Lager in der Dieselstraße geschlossen und alle Insassen in ein neuerrichtetes Lager in der Kruppstraße gebracht. Herbert Adler erinnerte sich, dass eines nachts der Bauwagen der Familie mit einem Traktor einfach dorthin gefahren wurde. Das Gelände war mit hohen Brettern, auf denen ein Stacheldraht angebracht war, umzäunt worden. Ab 22 Uhr patrouillierten Polizisten mit Hunden, die Fluchtversuche verhindern sollten.

Am 15. August 1942 suchte sich ein Hauptwachmeister mehrere Jungen aus, die ZwangsarbeitZwangsarbeit Bezeichnung für die Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft ohne oder mit nur sehr geringer Bezahlung. Das nationalsozialistische Deutschland schuf mit insgesamt über 12 Millionen Zwangsarbeiter*innen eines der größten Zwangsarbeitssysteme der Geschichte. Neben Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen wurden Millionen von Zivilisten aus besetzten Staaten Europas größtenteils verschleppt und von der deutschen Industrie als Zwangsarbeiter*innen missbraucht. verrichten sollten. Darunter waren auch Herbert Adler und sein kleinerer neunjähriger Bruder Rolf. Unter ständiger Bewachung mussten die Kinder einen großen Lastwagen mit Basaltsteinen be- und entladen. Dies ging mehrere Durchgänge gut, doch beim dritten Mal verunglückte Rolf. Er fiel bei der Anfahrt über die Rampe des Lasters und verfing sich mit seinem Arm in dessen Hinterachse. Rolf Adler wurde mehrere hundert Meter mitgeschleift, bis der Fahrer den Vorfall bemerkte und den Lastwagen anhielt.

Der schwerverletzte und besinnungslose Junge wurde schließlich in ein Krankenhaus gebracht. Während der Vater ins Krankenhaus gerufen wurde, mussten Herbert Adler, seine Mutter und die Geschwister im Lager bleiben und voller Angst auf Neuigkeiten warten. Als der Vater abends zu seiner Familie zurückkehrte, konnte er nur mitteilen, dass Rolf jetzt „im Himmel“ sei. Das war das erste Mal, dass Herbert Adler mit dem Tod eines Familienangehörigen konfrontiert wurde.

Der lange Weg durch die KonzentrationslagerKonzentrationslager Konzentrationslager (kurz: KZ oder KL) waren das wichtigste Instrument der NS-Terrorherrschaft. Erste Lager entstanden schon im März 1933, kurz nach der Machtübernahme der NSDAP, anfangs noch in u.a. leeren Fabrikgebäuden, ehemaligen Gefängnissen und Kellergewölben. Bis Kriegsbeginn wurden sieben Konzentrationslager errichtet, bis Ende des Krieges waren es 22 Hauptlager mit weit über 1.000 Außenlagern und Außenkommandos. Alle, die von den Nationalsozialisten zu weltanschaulichen, religiösen und „rassischen“ Gegnerinnen und Gegnern erklärt worden waren, sollten dort inhaftiert werden. Darunter befanden sich vor allem Juden, Sinti, Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Kommunisten, Sozialisten und andere politische Gegner. Mit Kriegsbeginn verschärften sich die Haftbedingungen weiter und die Ermordung der Gefangenen wurde zur Selbstverständlichkeit. Die Arbeitskraft der Häftlinge sollte bis zur völligen Erschöpfung oder bis zum Tod für die Kriegswirtschaft ausgenutzt werden. Die SS bezeichnete dies als "Vernichtung durch Arbeit".

Nachdem Heinrich Himmler am 16. Dezember 1942 mit dem sogenannten „Auschwitz Erlass“ die DeportationDeportation Bezeichnung für die zwangsweise Um- oder Aussiedlung von Menschen aus ihren Wohngebieten, zum Teil unter Androhung und Anwendung von Gewalt. Während der NS-Zeit wurden ganze Bevölkerungsgruppen wie Juden oder Sinti und Roma zunächst aus dem Deutschen Reich, dann auch aus dem übrigen Europa, in Sammellager, Gettos und Konzentrations- oder Vernichtungslager in die besetzten Ostgebiete deportiert und dort ermordet. Oft wurde dies auch zur Tarnung als "Evakuierung" bezeichnet. aller Sinti und Roma nach Auschwitz veranlasst hatte, wurde die Familie Adler mit vielen anderen Insassen des Internierungslagers Kruppstraße am 9. März 1943 zum Frankfurter Ostbahnhof gebracht und dort zusammen mit 60 bis 80 anderen Personen in einen Waggon gepfercht. Ohne Wasser und Toilette begann dort die mehrtätige Deportationsfahrt nach Auschwitz. Bei der Ankunft im KZKonzentrationslager Konzentrationslager (kurz: KZ oder KL) waren das wichtigste Instrument der NS-Terrorherrschaft. Erste Lager entstanden schon im März 1933, kurz nach der Machtübernahme der NSDAP, anfangs noch in u.a. leeren Fabrikgebäuden, ehemaligen Gefängnissen und Kellergewölben. Bis Kriegsbeginn wurden sieben Konzentrationslager errichtet, bis Ende des Krieges waren es 22 Hauptlager mit weit über 1.000 Außenlagern und Außenkommandos. Alle, die von den Nationalsozialisten zu weltanschaulichen, religiösen und „rassischen“ Gegnerinnen und Gegnern erklärt worden waren, sollten dort inhaftiert werden. Darunter befanden sich vor allem Juden, Sinti, Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Kommunisten, Sozialisten und andere politische Gegner. Mit Kriegsbeginn verschärften sich die Haftbedingungen weiter und die Ermordung der Gefangenen wurde zur Selbstverständlichkeit. Die Arbeitskraft der Häftlinge sollte bis zur völligen Erschöpfung oder bis zum Tod für die Kriegswirtschaft ausgenutzt werden. Die SS bezeichnete dies als "Vernichtung durch Arbeit". Auschwitz am 13. März wurde Herbert Adler die Häftlingsnummer „Z 2784“ in den linken Unterarm tätowiert.

Die Familie kam in das sogenannte „Zigeunerlager“. Insgesamt 29 Mitglieder der Familie Adler waren dorthin deportiert worden. Herbert Adler berichtete: „Wir kamen da an – als ich das gesehen habe, da habe ich selber zu mir gesagt: ‚Du bist vom Fegefeuer in die Hölle gekommen.‘ Wir mussten alle raus aus dem Wagen und uns familienmäßig wieder aufstellen. […] Nur habe ich zwei kleine Schwestern gehabt, die eine war sechs und die andere war fünf und die konnten in den Ärmchen ja nicht eintätowieren, so wurden diese Nummern in den Beinen eintätowiert. Als das alles fertig war, wurden wir dann in das Zigeunerlager Birkenau gebracht in Block 21.“ (Adler 2002, S. 36)

In den Baracken waren die hygienischen Bedingungen katastrophal. Die Ernährung war völlig unzureichend. Der Vater musste schwere körperliche Zwangsarbeit in verschiedenen Arbeitskommandos leisten. Nach nur einem halben Jahr erkrankte er schwer und wurde von seiner Familie getrennt. Herbert Adler sah ihn nie wieder. Die Familie nahm an, dass er an den Folgen von Misshandlungen und seines schlechten Gesundheitszustands starb. Nur drei der insgesamt 29 Mitglieder der Familie Adler überlebten Auschwitz: Herbert, sein älterer Bruder Heinz und seine Schwester Wanda.

Nummernbuch Männerlager KZ Ravensbrück (Foto: Arolsen Archives, DocID 3767394)
Nummernbuch Männerlager KZ Ravensbrück (Foto: Arolsen Archives, DocID 3767394)

Herbert selbst wurde Ende Juli/Anfang August 1944 mit einem großen Transport in das KZ Ravensbrück gebracht. Damit entging er der Ermordung aller noch in Auschwitz verbleibenden Sinti und Roma am 2. August. Unter den Ermordeten befanden sich auch seine Mutter und drei seiner Schwestern.

In Ravensbrück erhielt er die Häftlingsnummer 11.428. Im März 1945 verschleppte die SSSchutzstaffel Die Schutzstaffel (kurz: SS) war 1925 als persönliche Leibwache Hitlers gegründet worden. Den höchsten Dienstgrad innerhalb der SS stellte seit 1934 der „Reichsführer SS“ dar. Bis 1945 nahm Heinrich Himmler diese Position ein. Unter seiner Leitung wurde die SS zu einer Eliteeinheit aufgebaut, die zum zentralen Instrument des staatlichen Terrors wurde. Die SS hatte im Rahmen der „Endlösung“ maßgeblichen Anteil am Völkermord an den europäischen Juden sowie den Sinti und Roma. Herbert Adler in das KZ Sachsenhausen. Als die Rote Armee sich dem Lager näherte, zwang die SS die Häftlinge auf sogenannte „Todesmärsche“ in Richtung Westen. Auf einem solchen Marsch wurde Herbert Adler Anfang Mai 1945 zusammen mit 35 anderen Jugendlichen von der Roten Armee befreit.

Rückkehr nach Frankfurt

„[…] ich bin im Lager gewesen, ich habe meine Eltern, meine Geschwister und alles verloren, ich hab in Frankfurt gewohnt, ich bin ein echter Frankfurter Bub, ich will hierher wieder zurück.“
(Adler 2002, S. 41)

Nach der Befreiung unterstützte die Hilfsorganisation Rotes Kreuz Herbert Adler und seinen Freund Jakob Müller dabei, nach Frankfurt zurückzukehren. Über Hannover und Göttingen kam er schließlich im Juni 1945 in seine Heimatstadt zurück. Dort musste er feststellen, dass das Haus in der Löhergasse durch den Krieg völlig zerstört worden war. Außer einer Ruine erinnerte dort nichts mehr an seine Kindheit und an seine Familie. Als einzigen Verwandten fand Herbert Adler mit Hilfe des Roten Kreuzes schließlich seinen Onkel Alexander Adler, einen älteren Bruder seines Vaters, in Wächtersbach östlich von Frankfurt. Doch er fühlte sich seiner Heimatstadt Frankfurt sehr verbunden und versuchte, dorthin umziehen zu können.

Herbert Adler (2. v.r. in der hinteren Reihe) als Amateurfußballer mit seinen Mannschaftskameraden, 1950er Jahre (Foto: Archiv DokuZ)
Herbert Adler (2. v.r. in der hinteren Reihe) als Amateurfußballer mit seinen Mannschaftskameraden, 1950er Jahre (Foto: Archiv DokuZ)
Herbert Adler als Bassist in einer Musik-Band, 1950er Jahre (Foto: Archiv DokuZ)
Herbert Adler als Bassist in einer Musik-Band, 1950er Jahre (Foto: Archiv DokuZ)

Die Suche nach einer Wohnung stellte sich jedoch aufgrund der herrschenden Wohnungsnot schwerer dar als erwartet. Von Behörden erhielt Herbert Adler kaum Unterstützung, da die Mitarbeiter weiterhin von rassistischen Vorurteilen geprägt waren. Auch seine Verfolgung und die KZ-Haft wurden nicht anerkannt. Überraschend half Herbert Adler sein großes Hobby – das Fußballspielen – weiter: Vertreter des Fußballvereins „Eintracht Frankfurt“ wurden bei einem Spiel auf ihn aufmerksam. Als sie von seiner Geschichte erfuhren, setzten sie sich dafür ein, dass er 1955 eine Wohnung in Frankfurt erhielt. Mittlerweile war er verheiratet und Vater einer kleinen Tochter. 1965 traf ihn ein sehr schwerer Schicksalsschlag: Bei einem Verkehrsunfall starben seine Frau und seine Tochter. Seitdem wohnte er allein in Frankfurt und arbeitete abends und an den Wochenenden als Musiker.

Weiterleben – für eine Zukunft mit Respekt

Seine Erlebnisse in den Konzentrationslagern und den Verlust der Familienangehörigen konnte Herbert Adler nie überwinden. Vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen engagierte er sich an Schulen und Universitäten für die Aufklärungsarbeit über den Nationalsozialismus und für die Errichtung eines Denkmals für die ermordeten Sinti und Roma in Berlin. Er war im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg und im Fritz Bauer Institut in Frankfurt Mitglied des Beirats der Holocaust-Überlebenden. Außerdem war er Ehrenmitglied im Vorstand des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma.

1993 erklärte er, warum er sich so tatkräftig für die Aufarbeitung der Verbrechen der Nationalsozialisten einsetzt: „Ich möchte alle Menschen, die von meiner Lage erfahren, bitten, dass sie an sie junge Generation weitergeben, was mit den Sinti und Roma und auch mit den Juden in den Jahren 1933 bis 1945 geschehen ist. Wenn wir alle zusammenhalten, wenn wir uns die Hände reichen und nicht darauf achten, welcher Abstammung oder Herkunft wir sind – ob Sinti, Roma, Jude, Türke, Grieche, Italiener, Belgier oder was auch immer -, wenn wir uns die Hände reichen und sagen, wir wollen so etwas nie wieder erleben, glaube ich, dass wir es auch erreichen könne. Unsere Kraft wird es jedem vermitteln, wenn wir zusammenstehen und einer auf den anderen achtet.“

Herbert Ricky Adler starb am 22. Oktober 2004. Die Begegnungen mit ihm bleiben vielen Menschen bis heute im Gedächtnis. Im Frankfurter Stadtteil Riedberg wurde im Jahr 2012 die „Ricky-Adler-Straße“ nach ihm benannt. In der Löherstraße 21 erinnern 9 Stolpersteine an das Schicksal seiner Familie, die dort im Juni 2011 verlegt wurden.

Traueranzeige in der Frankfurter Rundschau, 30.10.2004 (Foto: Archiv DokuZ)

Quellenangaben

Archiv Dokumentations- und Kulturzentrum, Heidelberg: Sammlung Lebenswege

Adler, Herbert Ricky: „Innerlich verbrenne ich, weil die ganze Erinnerung zurückkommt“, in: Wenn wir weg sind, ist alles nur noch Geschichte. Die Erinnerung von Überlebenden, hrsg. von Kerstin Amthor im Auftrag von Radio Dreyeckland, Emmendingen 2002, S. 31-44.
Ders.: „Der Lehrer wusste, was da passiert.“ Bericht eines Sinto, Interview von Josef Behringer und Gottfried Kößler mit Herbert Ricky Adler, produziert vom Fritz Bauer Institut, Frankfurt 1995.
Ders.: Herbert Adler, ein Frankfurter Sinto, berichtet: Von der Dieselstraße nach Auschwitz, in: Informationen 36/18, hrsg. vom Studienkreis Deutscher Widerstand, Frankfurt 1993, S. 4-7.

Wir danken dem Stadtarchiv Dortmund, dem Institut für Stadtgeschichte und dem Studienkreis Deutscher Widerstand (beide Frankfurt a.M.) für die freundliche Nutzungserlaubnis der Fotografien.

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